Detroit - Stadtviertel zu Ackerland

Eine Schrumpfkur gigantischen Ausmasses
David Runk, Der Bund, 26.03.2010

Was macht eine Metropole, die ihren Zenit überschritten hat? Sie macht aus Stadtvierteln wieder Ackerland. Siehe Detroit.

Es gab einmal eine Zeit, in der Detroit ein Symbol für die industrielle Macht der USA war: General Motors, Ford, Chrysler - die grossen Autofirmen machten Amerika mobil und versorgten Zehntausende in der Grossstadt mit Arbeit.

Nach mehreren Krisen und der massenhaften Abwanderung der Bevölkerung in Vororte ist die Stadt heute ein Problemfall. Verlassene Wohnviertel prägen das Bild. Die jetzige Finanzkrise beschleunigte nochmals den Abstieg der Millionenstadt.


Einsam verrotend - Die Michigan Central Station. Das Gebäude steht zwar unter Denkmalschutz, wird aber dem Verfall überlassen. (link_ikon weitere Bilder)

Obst und Gemüse statt Beton
Die Verwaltung plant deswegen, in einem nie dagewesenen Ausmass die Stadt zu schrumpfen und riesige Flächen Ödland in Felder und Parks zu verwandeln. Wird das Vorhaben umgesetzt, würden grosse Teile der Stadt ähnlich aussehen wie vor der Industrialisierung. Das betrifft etwa ein Viertel der 370 Quadratkilometer grossen Stadt, die etwa so gross wie Köln ist. Wo heute urbanes Ödland ist, könnten in ein paar Jahren Obstbäume blühen und Gemüsefelder sein.

Die Idee gibt es schon seit den 90er Jahren, doch der Niedergang der Automobilindustrie treibt die Stadt noch tiefer in den Ruin. Der neugewählte Bürgermeister Dave Bing hat mit einem Defizit von 300 Millionen Dollar und einer Arbeitslosenquote von fast 30 Prozent zu kämpfen. Schätzungen zufolge stehen in Detroit 33'500 Gebäude leer.

Bewohner in Angst
«Was früher unvorstellbar war, wird jetzt denkbar», sagt der Stadtplanungsexperte James Hughes von der Rutgers-Universität in New Jersey. Er verfolgt das Vorhaben mit grösstem Interesse und ist überzeugt, dass der Ruhm von Detroit der Vergangenheit angehört. «Einige Leute akzeptieren das wahrscheinlich nicht, aber das ist die Realität.»

Doch das Vorhaben ist schwierig umzusetzen und ruft bei vielen Einwohnern Skepsis hervor. «Wenn man liest, dass einige Viertel nicht mehr existieren sollen, macht einem das Angst», sagt etwa Deborah Young, die sich in einer Bürgerinitiative für die Wiederbelebung von Stadtteilen einsetzt.

«Ich finde es gut hier»
Die Stadtverwaltung muss die schwierige Entscheidungen treffen: Welches Viertel wird abgerissen? Wo soll das Geld stattdessen investiert werden? Von der Bundesregierung würden Hunderte Millionen Dollar benötigt, um Grundstücke zu kaufen, Gebäude abzureissen und Bewohner umzusiedeln. Einige von ihnen wollen nicht. «Ich finde es gut hier», sagt etwa der 60-jährige David Hardin. Er geniesse den Frieden und die Stille.

Hardins Haus steht in einer Siedlung, in der nur drei Gebäude bewohnt sind. Als er 1976 in das Viertel zog, waren noch alle Eigenheime bewohnt. Aber das war vor der grossen Krise. Detroit war für die meiste Zeit des 20. Jahrhunderts das industrielle Zentrum Amerikas. Viele Arbeiter wohnten in einfachen, ein- oder zweigeschossigen Eigenheimen und konnten zu den Fabriken laufen. Dann schloss ein Werk nach dem anderen. Nach den Rassenunruhen von 1967 flüchteten viele Weisse in die Vororte. Die schwarze Mittelklasse folgte. Die Stadt, in der in den 50er Jahren noch fast zwei Millionen Menschen wohnten, ist heute auf die Hälfte geschrumpft. Mehr als 90'000 Grundstücke sollen ungenutzt sein.

Keine Polizei und Feuerwehr
Mit einem riesigen Defizit und sinkenden Steuereinnahmen kann sich die Stadt nicht mehr leisten, in allen Vierteln genügend Polizisten und Feuerwehrleute einzusetzen und will 10'000 Häuser abreissen. In den betroffenen Vierteln soll Bewohnern angeboten werden, umzuziehen oder eine Entschädigung gezahlt werden. Detroit könnte säumige Steuerzahler auch mit einer Zwangsvollstreckung von ihren Grundstücken vertreiben.

Dass sich Unternehmen auf den freiwerdenden Flächen ansiedeln, ist unwahrscheinlich. Deswegen sollen sie landwirtschaftlich genutzt werden. Grössere Felder könnte die Stadt verpachten oder verkaufen und kleinere an Bürgerinitiativen übergeben.

weitere Artikel und Infos
10.03.2010 Kur mit der Abrissbirne, Der Bund
link_ikon Detroit Agriculture Network


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