Kritische Geographie?


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"Change the world without taking power!" (Holloway)

dm - Dies ist ein Versuch Kritische Geographie etwas fassbar zu machen. Wie es gilt, dass es „die Geographie“ nicht gibt, gibt es auch die "Kritische Geographie“ nicht. Vielmehr müsste von kritischen Geographien gesprochen werden. Demnach ist dies ein Versuch den gemeinsamen Nenner zu beschreiben, gleichzeitig ist es aber auch bis zu einem gewissen Punkt meine persönliche Auffassung, was kritische Geo sein soll. Da diese Darstellung keineswegs ganzheitlich ist, stelle ich die Aussagen zur Diskussion: einfach auf die Überschrift klicken und unten kommentieren.

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Kritische Geographie: eine Darstellung

Geographie und vor allem die Humangeographie stand mit ihrem Arbeitsthema seit jeher in einem Spannungsfeld. So waren es nicht zuletzt die aufkommenden Nationalstaaten zu Beginn des 19. Jh., welche der geographischen Forschung ihre Legitimation gaben. Es galt Grenzen zu definieren, Völker zu einen und Wir von Sie zu differenzieren. So ist es nicht erstaunlich, dass die moderne, universitäre Geographie ihre Wurzeln in dem gerade neu entstandenen deutschen Nationalstaat in der zweiten Hälfte des 19. Jh. findet. Geographen waren somit massgeblich an der Konstruktion der räumlichen und kulturellen Einheit der neuen Nationalstaaten beteiligt. Darwins (1809–1882) biologische Ansätze wurden in diesem historischen Kontext begeistert von den national orientierten Geographen aufgenommen und in das eigene Theoriengebilde eingebaut. Friedrich Ratzel (1844-1904) definierte 1897 den Staat als organisches Ganzes, welcher als solches in den „Kampf um den Raum“ eintrete. Auch zu nennen ist die Herzlandtheorie von Halford J. Mckinder (1861-1947), wonach gelte: “Who rules East Europe commands the Heartland; who rules the Heartland commands the world-island (d. Verf. den Eurasischen Kontinent); who rules the worl-island controls the world.” (Mckinder 1904) Diese sozialdarwinistischen Ansätze und Überlegungen früher Geographen sollten 30 Jahre später integraler Bestandteil der nationalsozialistischen „Blut und Boden“ - Ideologie werden und ein massgeblicher Faktor für die deutsche Expansion nach Osten darstellen.

Frühe Brüche mit der herrschenden Logik
Auch wenn sich die grossen deutschen Namen der jungen Disziplin Geographie nahezu restlos in den damals aktuellen Herrschaftsdiskurs eingliederten, gab es schon zu dieser Zeit Geographen, die mit der vorherrschenden Logik brachen. Hier ist allen voran Elisée Reclus (1830-1905) zu nennen, der als einer der Ersten geographische mit soziologischen Konzepten verband und sich bewusst gegen die natur- und geodeterministischen Ansätze der Disziplin wandte. Neben seinem geographischen Tun - sein Gesamtwerk umfasst über 30‘000 Seiten (vgl. Barthol 2008: 16) - war Reclus politisch aktiv. Er beteiligte sich an der Seite von Karl Marx (1818-1883) und Michael Bakunin (1814-1876) am Aufbau der ersten Internationalen und war an der Pariser Kommune von 1871 beteiligt. Aus diesem politischen Umfeld kam auch ein zweiter aktiver Geograph, Peter Kropotkin (1842-1921). Kropotkin war eng mit Reclus befreundet und schrieb in einem Nachruf in Würdigung seines Schaffens:

Vor allem in der Beschreibung der grossen Nationen sowie in der tausende und abertausend kleinen Bevölkerungsgruppen zeichnete sich Elisée Reclus aus. (…) Auch wenn er vom kleinsten Volksstamm spricht, findet er Worte, welche die Leser zur Idee inspirieren: alle Menschen sind gleichwertig, es gibt keine höher- und keine minderwertigen Rassen. (Kropotkin 1905: 155)


Doch vermochten diese von Reclus und Kropotkin vorgetragenen Ideen im geographischen Gesamtdiskurs nicht wirklich Fuss zu fassen. Im Gegenteil, die unterschwellig natur- und geodeterministischen Ansätze vermochten sich im deutschen Sprachraum bis zum Ende der 1970er Jahre zu halten, bevor sie von einer jüngeren Generation GeographInnen radikal in Frage gestellt wurden. (vgl. Messerli/ Rey 2005: 23f.)

Die Anfänge im angloamerikanischen und lateinamerikanischen Raum
Ende der 1960er-Jahre begann im anglo-amerikanischen und französischen Raum eine Auseinandersetzung mit der traditionellen Geographie und ihren bürgerlich-konservativen Inhalten. Diese Entwicklung schloss sich nahtlos an die gesellschaftskritischen Diskussionen der 1960er an, welche in die studentischen Unruhen von 1968 mündeten. Peet (1977: 9) schrieb dazu, dass die Entwicklung der 60er-Jahre für jene, welche an diesem Prozess der Revolte beteiligt waren, eine fundamentale „reeducation“ bedeutet hätte. Die begonnene Selbstreflexion wurde auch auf das eigen Studium angewandt und fand so auch in der Geographie einen Niederschlag. In erster Linie waren es marxistische Ideen, die mit geographischen Ansätzen verknüpft wurden. Aber auch die Ansätze von Reclus und Kropotkin wurden wieder aufgenommen und so zu einer neuen Aktualität verholfen. Marxistische Geographie entwickelte sich zu einem wichtigen Bereich der Humangeographie, vorerst aber nur im englischen Sprachraum. "Dabei wurde, stark verkürzt betrachtet, sowohl die historisch-materialistische (1) um die räumliche Perspektive erweitert, als auch umgekehrt." (Barthol 2008: 21). Oder wie es Peet formuliert:
What Marxist geographers are beginning to build is a sophisticated theory of spatial dialectics, in which the description of the obvious division of space into centres and peripheries is quickly passed through in order to reach the more complex analysis of spatial relations. Spatial relations are seen as reflecting social relations. (Peet 1977: 23)

Kritische GeographInnen versuchten von Beginn an ein Bindeglied zwischen den vielfältigen sozialen Bewegungen - worin sie auch einen Teil ihrer Legitimation fanden - und der Wissenschaft zu sein. Das Abflachen der sozialen Kämpfe im angloamerikanischen Raum, die immer noch eher elitär funktionierenden Universitäten und der viel beschworenen „Gang durch die Institutionen“ führten dazu, dass sie diesem Anspruch des Bindeglieds immer weniger gerecht wurden und sich die kritischen GeographInnen immer stärker isolierten. Dies soll aber ihre theoretischen Leistungen als Grundlage für spätere kritische GeographInnen nicht schmälern (vgl. Barthol 2008: 22f). Gleichzeitig fand aber eine starke Belebung der kritischen Geographie statt. Denn gerade im südamerikanischen Raum fanden die neuen Konzepte vermehrt Eingang und wurden ab Ende der 1980er-Jahre zu mehrheitsfähigen Ansätzen. Das Paradigma besagte, dass geographische Theorie und Praxis eine Einheit bilden sollten, um so die sozialen Kämpfe zu unterstützen. In dieses gesellschaftliche Umfeld müssen auch die Werke von Nichtgeographen wie "Pädagogik der Unterdrückten" von Paulo Freire (1921–1997) und "Die Verdammten dieser Erde" von Frantz Fanon (1925-1961) eingeordnet werden. Das eigene Selbstverständnis brachte Santos (1982) mit der Aussage, dass die Geographie, die so häufig im Dienste der Unterdrückung stand, dringend neu ausgerichtet werden müsse, damit sie dies sein könne, was sie immer sein sollte: „Eine Wissenschaft für die Menschen“, auf den Punkt. Ausgehend von diesem Selbstverständnis konnten sich kritische Ansätze innerhalb der lateinamerikanischen Geographie besser durchsetzten und vermögen es bis heute wichtige Impulse zu setzen.

Wandlung im deutschen Sprachraum
Im deutschsprachigen Raum, wo die moderne Geographie zwar ihren Ursprung hatte, blieb der Diskurs der kritischen Geographie lange Zeit aussen vor. Allgemein vollzogen sich Veränderungen zeitlich deutlich später als in anderen Sprachräumen. So wandte sich das Gesicht der geographischen Gemeinschaft erst nach dem Geographentag von 1969 in Kiel gänzlich von jenen Ideen ab, die noch aus Zeiten der geographischen Anfänge stammten und von natur- und geodeterministischen Ansätzen geprägt waren. Dennoch fanden – gerade in der feministischen Geographie - und finden in den letzten Jahren vermehrt Ansätze der angloamerikanischen und lateinamerikanischen kritischen Geographie Eingang in die Arbeiten deutschsprachiger GeographInnen. Je nach Position als Ergänzung oder als alleiniger Ansatz gewannen im deutschen Sprachraum innerhalb der kritischen Geographie auch dekonstruktive Ansätze der Postmoderne an Bedeutung. Dieses breite Spektrum an Richtungen bildet schliesslich das Feld der kritischen GeographInnen, welchem hier auf dieser Plattform Platz geboten werden soll.

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Machtdiskurs und Wissen für wen?

Die sozialen Interaktionen von Menschen, wirtschaftliche Strukturen, die Konstruktion von Kulturen sind Beispiele für ausgeprägte Machtdiskurse, die jeweils von der herrschenden Komponente dominiert und geleitet werden. Machtverhältnisse müssen nicht die realen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse widerspiegeln, vielmehr spielen ökonomische Positionierung, gesellschaftliche Stelllung etc. eine zentrale Rolle für die Machtproduktion. Machtverhältnisse sind komplexe soziale und ökonomische Strukturen, die je nach gesellschaftlicher Situation schnell wandelbar sind. Einige dieser Machtstrukturen jedoch vermochten sich in den letzten 200 Jahren und darüber hinaus gut zu halten und überdauerten die epochalen Umstürze, die sich zweifelsohne vollzogen hatten. Darunter fällt die Vorherrschaft des Westens über die ehemaligen Kolonien, die heute unvermindert - zwar in einer anderen Form - fortbesteht. AutorInnen wie Frantz Fanon (1925-1961), Edward Said (1935-2003), Linda Tuhiwai Smith oder Chandra Mohantio haben in ihren Werken auf die fortbestehende Ungleichheit hingewiesen und betont, dass viele der Bilder der westlichen Welt bezüglich der ehemaligen Kolonien stark von Konstruktionen „des Westens“ (2) abhängig sind. Unter jene Machtstrukturen, die überdauerten, fallen aber auch die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen und die Vorherrschaft einer besitzenden Elite über das Gros der Gesellschaft. Andere mächtige Diskurse sind einem starken Wandel unterworfen. So befindet sich der aktuelle Kulturdiskurs, dessen Wandel massgeblich durch den politischen Begriff des „Kampf der Kulturen“ und gesellschaftliche Globalisierungsängste angetrieben wird, im Umbruch. Balibar (1990: 28) betont, dass der Rassismus nicht mehr die Überlegenheit durch biologische Vererbung bestimmter Völker über andere postuliere, sondern dass vielmehr die Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen in den Vordergrund gestellt würden. In einer Geographie, die „the study of relations between society and the [..] environment“ (Peet 1998: 1) zum Ziel hat, wirken diese Machtstrukturen auf den geographischen Raum ein und verändern diesen beständig. Zum einen ganz materiell, etwa durch städtebauerische Massnahmen, zum anderen aber auch durch vielfältige soziale Ausgrenzungen und durch Schaffung nicht primär räumlich manifestierter Grenzen.

Fragen an GeographInnen

Humangeographie als Forschung ist insofern nicht unproblematisch, weil sie Brücken zwischen Theorie und materiellen Realitäten schlägt. Räumliche Fragestellungen, auch wenn es sich dabei um dekonstruktive Analysen handelt, sind in ihrer Quintessenz immer auf die materielle Realität bezogen, dies weil sie an einem materiellen Punkt im Raum festzumachen sind. Werden Räume von AkteurInnen dekonstruiert, handelt es sich dabei immer um Räume, die sich materiell manifestieren, auch wenn die Bedeutung dieser Räume für die Einzelnen sehr different sein mag. Diese Verknüpfung von soziologischen, politologischen und ökonomischen Fragestellungen mit der Komponente Raum hebt die Wissenschaft immer auf die Ebene der materiellen Realität und somit der Praxis. Jede Aussage kann also direkte Folgen haben, denn aus jeder Antwort lassen sich unmittelbare räumlich- materielle Schlüsse ziehen. Aus diesem Grund müssen sich GeographInnen in ihrer Praxis jeweils die Frage stellen: Für wen wird dieses Wissen produziert und welche Folgen kann dieses Wissen haben? Weiter ist abzuklären, welche Machtverhältnisse in der Fragestellung stecken und wessen Welt eigentlich zu analysieren ist. Weiter müssen Fragen der Definitionsmacht konsequent berücksichtigt werden.

Wertefreie Wissenschaft gibt es nicht
Die aristotelische Maxime der objektiven, völlig neutralen und wertefreien Wissenschaft gilt auch heute noch in vielen wissenschaftlichen Kreisen als das zu erreichende Ziel. Während dies in den naturwissenschaftlichen Disziplinen noch annähernd möglich sein mag, ist dies für die Sozialforschung unmöglich. Denn die Forschenden können sich nie gänzlich ausserhalb der eigenen Realität bewegen, schliesslich sind sie selbst auch ein Teil eines spezifischen Umfeldes, das prägend wirkt. Insofern ist die humanwissenschaftliche Idee des Verstehens an Grenzen gebunden. Verstehen kann nie über das selbst Fassbare hinausgehen und obwohl es möglich ist, als Individuum seinen Verstehensspielraum zu erweitern, ist diese Möglichkeit auf Grund der eigenen Prämissen nicht unbegrenzt. Objektivität in ihrer Bedeutung (unvoreingenommen, nicht von Gefühlen und Vorurteilen bestimmt) ist aus den oben genannten Gründen nicht zu erreichen. Peet schreibt (1977: 1) dazu:
Two assumptions are implicit in my argument: first, and most obviously, that there is no such thing as objective, value-free and political neutral science, indeed all science, and especially social science, serves some political purpose; second, that it is the function of conventional, established science to serve the established, conventional social systems and, in fact, to enable it to survive.”
Eine mögliche Schlussfolgerung wäre demnach, dass das, was als objektiv bezeichnet wird, immer das Konstrukt der diskursprägenden Gruppe und somit eine Folge der unmittelbaren Machtverhältnisse ist. Objektivität steht also immer im Dienste der jeweils dominanten Gruppe und dient nicht selten der Diskreditierung vermeintlich nicht objektiver Ideen, Lösungen und Vorschlägen.

Empowerment als mögliche Antwort

Um auf die oben besprochenen Fragen und Problematiken der Macht zu antworten, versuchen einige kritische GeographInnen den Bezug zu den sozialen Kämpfen zu finden. Mitunter radikale Gesellschaftskritik soll nach deren Ansicht nicht nur formuliert werden, sondern auch in die geographische Praxis einfliessen. Insbesondere im lateinamerikanischen Raum wird Geographie als eine soziale Praxis verstanden, die aktiv Partei ergreift und emanzipatorisch einwirken soll. (vgl. Barthol 2008: 33) Diese Ansätze sind aber nicht auf die Geographie beschränkt. Der Pädagoge Paulo Freire veröffentlichte 1973 „Die Pädagogik der Unterdrückten“, in dem er für eine emanzipatorische Bildung eintrat.
„Unsere Forderung heisst allerdings nicht, den Menschen ihre Aktionen zu erklären, sondern vielmehr mit den Menschen über ihre Aktionen zu reden. […] Die Pädagogik der Unterdrückten, sofern sie eine humanistische und befreiende Pädagogik ist, hat zwei klare unterschiedene Stufen. Auf der ersten Stufe enthüllen die Unterdrückten die Welt der Unterdrückung und widmen sich ihrer Veränderung durch die Praxis. Auf der zweiten Stufe, auf der die Wirklichkeit der Unterdrückung bereits verwandelt wurde, hört diese Pädagogik auf, den Unterdrückten zu gehören, und wird zu einer Pädagogik aller Menschen im Prozess permanenter Befreiung. (Freire 1987: 40f.)

Emanzipatorische Wissenschaft bedeutet, dass Forschung ihre Legitimation in den konkreten Missständen findet und die Partizipation der Betroffenen als integraler Bestandteil gesehen wird. In der Praxis der GeographInnen sollen die herrschenden Verhältnisse nicht nur analysiert und dekonstruiert, sondern auch deren Ursachen benannt und kritisiert werden. Schliesslich soll das Forschungsziel des Verstehens um die Dimension des „Empowerment“ (Bevollmächtigung) ergänzt werden, um so die Definitions- und Entscheidungsmacht im Forschungsprozess umzuverteilen. (vgl. Riaño 2008)

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Geographie machen!

Um Missverständnisse in der Begrifflichkeit zu vermeiden, soll an dieser Stelle gesagt sein, dass das hier vorgeschlagene „Geographie machen“ nicht mit dem handlungstheoretischen Konzept des „Geographie-Machen“ (3), wie es von Beno Werlen vorgeschlagen wird, verwechselt werden sollte. Weiter ist wichtig zu betonen, dass wenn hier von Geographie gesprochen wird, es sich nicht um den universitären Rahmen der Disziplin Geographie handelt. Im hier verwendeten Kontext „erscheint `Geographie´ [..] im Sinne des `alltäglichen Gographie-Machens´ (3) als Produkt der Praxis der Weltdeutung und -bindung, somit als Gesamtprodukt.“(Schlottmann 2005:61)

GeographInnen machen Geographie
Unter der Prämisse, dass Geographie als Disziplin aktiv Partei ergreifen und emanzipatorisch einwirken solle, entsteht die Verpflichtung zur direkten Rückkoppelung des entstandenen Wissens. Es geht darum durch die Erkenntnis der eigenen Forschung die Verbindung zur Aussenwelt herzustellen, von den Schreibtischen weg zu kommen, sich von der rein theoretischen Ebene zu lösen und sich an der alltäglichen Praxis des „Geographie-Machen“ zu beteiligen, um als GeographInnen selbst Geographie zu machen!

Dieses Geographie machen soll aber keinesfalls heissen sich als wissende Autorität zu inszenieren, sondern als MitstreiterIn das gewonnen Wissen beizutragen. Paulo Freire betont in „Pädagogik der Unterdrückten“, dass es die Aufgabe der Pädagogik und analog dazu anwendbar die Aufgabe der machenden GeographInnen sein muss, mit den Menschen im Dialog über ihr Handeln zu sprechen. (Freire 1987: 40) Im Dialog sieht er durch das gesprochene „wahre Wort“ den Beginn der Befreiung. (ebd.: 71)
Echte Bildungsarbeit wird nicht von A für B oder von A über B vollzogen, sondern vielmehr von A mit B, vermittelt durch die Welt – eine Welt die beiden Seiten beeindruckt und herausfordert und Ansichten oder Meinungen darüber hervorruft. (ebd.: 76f.)

Geographie als Praxis der Freiheit
Geographie wird immer und überall wo Menschen in Interaktion treten, teils unbewusst, teils sehr bewusst als alltägliche Praxis gemacht. Beispielsweise wenn etwa politische AktivistInnen in Glasgow (Scotland) eine lokale BürgerInneninitiative begründen, um in einer der heruntergekommenen Armenviertel eine brach liegendes Bauland in einen blühenden Garten umzuwandeln. (Roman 2005) Wenn in Zürich die Gruppe „Raumpflege“ aus Protest gegen die repressive Eindämmung von Freiräumen und die Zunahme der Ausgrenzung und Überwachung des öffentlichen Raums, im Jahr 2005 das Sihlufer und drei Jahre später 2008 das umbaufällige Fussballstadion Hardturm besetzen und so in Lebensraum umwandeln (Raumpflege 2008). Wenn sich in den französischen Vorstädten Jugendliche in ihrer Marginalisierung und Ausgrenzung wütend erheben. Wenn jemand mit Hacke und Samen ausgerüstet loszieht, um im öffentlichen Raum Blumen zu pflanzen. Wenn sich in Brasilien Menschen organisieren, um gemeinsam Land als Lebensgrundlage zu besetzen. Wenn in Bern seit Jahren der Kampf um das autonome Kultur- und Begegnungszentrum Reitschule geführt wird. Wenn soziale Freiräume, Gestaltungs- und Lebensräume verteidigt und erkämpft werden, dann wird dort überall Geographie gemacht.

Es werden Räume gestaltet, umgedeutet, Grenzen verschoben und dadurch neu definiert. Es werden Räume aus dem herrschenden Kontext gerissen und der dominanten neoliberal- kapitalistischen Doktrin entgegengehalten. Geographie machen als bewusste Praxis hat die Kraft zu verändern, weil sie sich real manifestiert, weil sie direkt und unmittelbar wahrnehmbar ist. Gemachte Geographie ist ein niederschwelliges Angebot, es ist leichter verständlich als komplexe Reden und langfädige Bücher. Bricht die gemachte Geographie mit der herrschenden Logik, mit den autoritären Konventionen, mit der erdrückenden Machtpraxis, dann kann sie aus der grauen Einöde hervorstechen, bewegen und verändern.

Durch gezieltes alltägliches Handeln lässt sich die Welt bewusst verändern, zwar meist nur im Kleinen und oft nur sehr langsam. Doch sind es mitunter die kleinen Erfolge, die einen daran erinnern, warum es Wert ist für Ideen einzustehen, die viele wohl als reine utopische Spinnerrein abtun würden. In Anlehnung an Paulo Freires Leitspruch „Bildung als Praxis der Freiheit“ möchte ich hier für eine Geographie plädieren, dies sich dem Leitsatz „Geographie als Praxis der Freiheit“ verschreibt. Eine Geographie die sich bewusst einmischt, sich engagiert, sich an den alltäglichen kleinen Revolten beteiligt, um so der vermeintlichen Utopie einer egalitären, emanzipierten und herrschaftsfreien Gesellschaft - Schritt für Schritt - näher zu kommen.

„Wir müssen die Welt nicht erobern.
Es reicht sie zu erneuern.
Durch uns. Heute.“

Zapatistas in Chiapas


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Anmerkungen

1 - Unter dem Begriff Historischer Materialismus werden Theorien zur Erklärung von Gesellschaft und ihrer Geschichte zusammengefasst, die gemäß der „materialistischen Geschichtsauffassung“ von Karl Marx und Friedrich Engels gebildet sind:
Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.

Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, S. 487. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 8118 (vgl. MEW Bd. 20, S. 248-249)

Quelle: Wikipedia, Historischer Materialismus, 23.10.2008

2 - „Der Westen“ ist ebenso eine Konstruktion wie „der Osten“.

3 - Wolfgang Hartke war der erste – nicht nur im deutschen Sprachraum - der darauf hinwies, dass sowohl alltägliches wie wissenschaftliches Geographie-Machen wichtige politische Implikationen aufweisen und den Themenbereich auch als Forschungsbereich der Sozialgeographie vorschlug. (Werlen 2000: 143) „Er ist bestrebt, sich vom Forschungsgegenstand `Raum´ bzw. `Landschaft´ abzuwenden und sich vermehrt den `menschlichen Aktivitäten und ihren sozio-kulturellen Hintergründen´ (Bartels 1970) zuzuwenden. Dabei wird die Kulturlandschaft nicht mehr eigentlicher Forschungsgegenstand, sondern als `Registerplatte´ zur Erklärung menschlicher Tätigkeiten betrachtet. Die Spuren in der Kulturlandschaft sind als Anzeiger, Indikatoren sozialer Prozesse zu interpretieren.“ (Werlen 1997: 25) Nach Ansicht von Hartke ist es die Aufgabe von GeographInnen diese Zusammenhänge zu untersuchen und den EntscheidungsträgerInnen die Erkenntnisse zuzutragen (ebd.: 26). Jedoch als grundlegend problematisch betrachtet Werlen bei Hartke die Nutzung der Kulturlandschaft als Registerplatte zur Aufdeckung von sozialen Prozessen, wie sie ein seinem Konzept eingebettet sei, dies weil, sich nicht sämtliche sozialen Handlungen im Raum festhalten liessen. Als zweites grundlegendes Problem betont Werlen, dass Gruppen nie Handeln könnten, sondern, dass es stets Individuen seien, die Handlung vollziehen, insofern sei die Hartkesche Gruppenbildung problematisch. (ebd.: 34f.) Abschliessend meint Werlen, dass es Hartke „letztlich um die Aufdeckung der erdräumlichen Kammerung der Gesellschaft in traditionelle geographische bzw. kartographische Kategorien“ (ebd.: 37) gegangen sei. Benno Werlen entwickelte den Ansatz Hartkes, ganz nach seiner Forderung „Hartkes Konzeption von Geographie-Machen zu radikalisieren“ (ebd.: 39), weiter. Werlen fordert in seinem Konzept von „Geographie-Machen“ den Blick auf die „Erfassung der Bedeutung“ von sozialen Prozessen, Reproduktion der sozialen Welt und der Strukturationsprozesse der Gesellschaft zu zentrieren. (ebd.: 37)

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Quellen

Balibar, Etienne (1990): Gibt es einen "neuen Rassismus"?, In: Balibar, Etienne/ Wallerstein, Immanuel (Hgg.) (1990): Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg/Berlin, Argument.
Barthol, Timo (2008): Radikale und emanzipatorisch: Geographie mal anders. Ein Einblick in kritische Geographie, Tübingen.
Freire, Paulo (1987): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit, Reinbeck b. Hamburg, Rowohlt.
Messerli, Paul/ Rey, Lucienne (2005): Geographie im Wandel der Zeit, Vorlesungsreader Disziplinsgeschichte, Geographisches Institut Uni Bern.
Mckinder, Halford J. (1904): The Geographical Pivot of History, Zitiert nach: Wikipedia (2008): The Geographical Pivot of History, printed: 23.10.2008 http://en.wikipedia.org/wiki/The_Geographical_Pivot_of_History
Kropotkin, Peter (1905): Elisée Reclus, In: Hug, Heinz (Hrsg.)(2006): Der Anarchismus. Ursprung, Ideale und Philosophie, 5. Auflage, Frankfurt a. M., Trotzdem Verlag, 151-159.
Peet, Richrad (1998): Modern Geographical Thought, Oxford, Blackwell Publishing.
Peet, Richard (1977): Development of Radical Geography, In: Peet, Richard (1977): Radical Geography. Alternative viewpoints on contemporary social issues, Chicago, Maaroufa Press, S. 6-30.
Raumpflege (2008): www.raumpflege.org, Stand: 26.10.2008.
Riaño, Yvonne (2008): Partizipative Methoden, Vorlesungsunterlagen zu Qualitative Methoden FS08, Uni Bern.
Roman, Leon (2005): CRE8 SUMMAT: Planting a Garden of Activism In: Dissent!/ Autonomedia (Hrsg.): Shut Them Down! The G8, Gleneagles 2005 and the Movement of Movements, Autonomedia, New York, S. 235-241.
Santos, M. (1982): Pensando o espaço do homen, São Paulo. Zitiert nach Barthol, Timo (2008): Radikale und emanzipatorisch: Geographie mal ande4rs. Ein Einblick in kritische Geographie, Tübingen, S. 24.
Schlottmann, Antje (2005): Ost-west-differenzen in der Berichterstattung zur deutsche Einheit: Eine sozialgeographische Theorie, Stuttgart, Franz Steiner Verlag, S. 50-64.
Werlen, Benno (2000): Sozialgeographie. Eine Einführung, Bern/Stuttgart/Wien, Verlag Paul Haupt.
Werlen, Benno (1997): Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierung, Stuttgart, Franz Steiner Verlag.


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