Kameras in den Gängen einer Berner Berufsschule

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Christian Brönnimann, Der Bund, 03.06.2009

Seit letztem Donnerstag sind in zwei Gebäuden der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern (BFF) Überwachungskameras zur Bekämpfung von Vandalismus installiert.

«Das ist eine Bankrotterklärung, das wissen wir und dazu stehen wir auch.» Diese klaren Worte stammen aus einem internen Schreiben, das die BFF-Schulleitungskonferenz letzte Woche an die Lehrerschaft der zwei Schulgebäude Sulgeneckstrasse 26 und Monbijoustrasse 25 verschickte. Darin kündigt sie die Videoüberwachung an. Die Schulleitung sei «am Ende des Lateins angekommen» und der «fruchtlosen Appelle» müde. Letzten Donnerstag wurden deshalb in den Gängen der zwei Gebäude insgesamt sechs Kameras installiert.

Das Fass zum Überlaufen brachten Beschädigungen und Verschmutzungen am eben erst für gut neun Millionen Franken sanierten Schulhaus an der Sulgeneckstrasse. Allein in den letzten zwei Monaten belief sich die Schadenssumme auf über 6000 Franken. Unter anderem seien frisch gestrichene Wände in Toiletten mit Schminke und Stiften verschmiert und massenhaft Abfälle liegen gelassen worden, sagt Schuldirektor Niklaus Ludi. Im Brief ist von «am Boden liegen gelassenen blutigen Binden und Tampons» die Rede. «Grundlegende Anstandsregeln und Werte scheinen nicht mehr zu gelten. Diese Gleichgültigkeit bedaure ich sehr», so Ludi. Die bisherigen Massnahmen – insbesondere die Sensibilisierungskampagne «Halt geben – Halt sagen» – hätten nicht genügend gefruchtet.

Einjährige Versuchsphase
Der Schuldirektor hofft auf eine präventive Wirkung der Kameras. «Spätestens wenn der erste Vater für die Dummheiten seines Kindes 1000 oder mehr Franken bezahlen muss, findet hoffentlich ein Umdenken statt», sagt Ludi. Wenn möglich, werden die Kameras nach einer einjährigen Versuchsphase wieder entfernt. Andererseits schliesst Ludi nicht aus, dass die Videoüberwachung bei Bedarf auch in weiteren BFF-Gebäuden eingeführt wird.

Die sechs Kameras an der Sulgeneck- und Monbijoustrasse nehmen das Geschehen lediglich in den Gängen und Treppenhäusern im Innern der Gebäude auf. In den Schulzimmern wird nicht gefilmt. Die Daten werden während 30 Tagen gespeichert und können per Computer ausgewertet werden. Dazu befugt ist lediglich der Abteilungsleiter Finanzen und Dienste, Andreas Stettler. Er untersteht der Schweigepflicht und darf die Erkenntnisse nur an die Schulleitung weitergeben. Ludi verspricht: «Die Bilder dienen ausschliesslich dazu, Vandalen ausfindig zu machen.»

Günstiger Zeitpunkt
Die genauen Kosten für die Kameras will Ludi nicht nennen. «Sie liegen aber unter der Schadenssumme der letzten zwei Monate», sagt er. Kurz vor Ende des Schuljahres sei ein günstiger Zeitpunkt zur Installation der Kameras, da Vandalenakte an der BFF vor den Sommerferien erfahrungsgemäss zunehmen. In der siebenköpfigen Schulleitungskonferenz sei das Thema Videoüberwachung lang und breit diskutiert worden, sagt Ludi. Schliesslich sei der Entscheid für die Kameras aber einstimmig gefallen. Aus der Lehrerschaft habe er bereits eine kritische Rückmeldung erhalten.

Rechtlich seien die Kameras zulässig, so Ludi. Das habe man abgeklärt. Mit dem neuen Polizeigesetz, das Anfang Juli in Kraft tritt, muss die Videoüberwachung aber von der Kantonspolizei neu abgesegnet werden.

Zum ersten Mal im Kanton Bern
Vorerst hat die kantonale Erziehungsdirektion für die Kameras an der BFF grünes Licht gegeben. Es sei das erste Mal, dass im Kanton Bern zu einem solchen Mittel gegriffen werde, sagt der Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes Theo Ninck. Eine andere Anfrage einer Berufsschule aus dem Berner Jura sei wegen fehlender Dringlichkeit abschlägig behandelt worden. «An der BFF ist der Bedarf erwiesen», sagt Ninck. Das Ausmass der Vandalenakte und das neu renovierte Gebäude rechtfertigten die Kameras. Auch habe die Schule zuvor alle anderen möglichen Massnahmen ergriffen.

Ninck glaubt nicht, dass die BFF zu einem Präzedenzfall wird. «Jede Schule muss separat anhand ihrer Schulkultur und ihrer Räumlichkeiten bewertet werden», sagt er. Es gebe kein Konzept, das den Einsatz von Videoüberwachung an kantonalen Schulen regelt. «Bisher war es noch keine akute Angelegenheit.» Ninck spricht bei der Videoüberwachung denn auch von einer «Notmassnahme». Er könne sich aber vorstellen, dass die präventive Wirkung über die BFF hinausreiche. «Die Schüler merken vielleicht auch an anderen Schulen, dass nicht nur Grenzen gesetzt werden, sondern auch Mittel vorhanden sind, wie diese Grenzen kontrolliert werden können», sagt Ninck.

Stadt Bern will keine Kameras
Absolut kein Thema sei Videoüberwachung in den städtischen Schulen, sagt die Leiterin des Schulamtes Irene Hänsenberger. Man setze auf die bisher ergriffenen Massnahmen. Konkret beinhalten diese ein Zutrittsverbot von Pausenplätzen ab 22 Uhr, bauliche Massnahmen und bessere Beleuchtung sowie Kontrollen durch die Securitas. Im Fokus der Massnahmen stehen nicht schulinterne Störenfriede, sondern Jugendliche von ausserhalb der Schulen. Auch Gemeinderätin Edith Olibet (sp) schliesst Videoüberwachung aus: «Kameras sind keine geeignete Massnahme für städtische Schulen, schon gar nicht im Innern der Gebäude.» Die in einer Pilotphase von zweimal drei Monaten getesteten Massnahmen hätten sich bewährt, so Olibet. Für die definitive Einrichtung müssen noch die Mittel gesprochen werden.


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