Schweiz: Nächster Angriff auf 'Bildung für Alle': "Studenten sollen ihre Ausbildung bezahlen für eine marktgerechte Bildung"

Das Ganze erinert stark an die britische Bildungsreform...

link_ikon Studiengebühren rauf, Gelder für Unis runter

Studenten sollen ihre Ausbildung bezahlen

Simon Schmid, Der Bund, 24.11.2011

Die Universitäten platzen aus allen Nähten, die Beiträge der öffentlichen Hand gehen zurück. Ein St. Galler Wirtschaftsvertreter wartet nun mit einer Radikallösung auf.

Schweizer Universitäten und Fachhochschulen droht ein Finanzierungsproblem. Denn die Studierendenzahlen an Schweizer Universitäten steigen laufend an, gleichzeitig stagnieren die Beiträge der öffentlichen Hand. ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach forderte deshalb via Sonntagspresse mehr Mittel vom Bund – ansonsten sehe man sich gezwungen, einen Aufnahmestopp für ausländische Studenten an der ETH zu beschliessen.

Der St. Galler Unternehmer Kurt Weigelt schlägt eine andere Lösung vor. Er fordert, dass Studierende die Vollkosten ihrer Grundausbildung selbst berappen sollen. Bezahlt würden die Kosten jedoch nicht während des Studiums, sondern erst nach dessen Abschluss: als jährlicher Aufschlag auf die direkte Bundessteuer.

Für den Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell steht im Vordergrund, das tertiäre Bildungssystem möglichst marktgerecht zu gestalten: Wer vom Staat Bildungsleistungen erhalten möchte, soll den entsprechenden Preis dafür bezahlen. Basierend auf Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) liess Weigelt diesen Preis berechnen – er liegt für die Grundausbildung an Universitäten und Fachhochschulen im Durchschnitt bei 23'000 Franken pro Studienjahr. Auf ein fünfjähriges Studium hochgerechnet stünden Absolventen damit beim Staat mit 115'000 Franken in der Kreide.

Billige Juristen, teure Förster
Ja, ein Studium kostet tatsächlich so viel. Zumindest im Schnitt: Aus den Zahlen des BFS geht hervor, dass ein Studium je nach gewählter Fachrichtung unterschiedlich zu Buche schlägt. So kostet die Ausbildung einer Wirtschafts- oder Rechtswissenschaftlerin eine Universität rund 9500 Franken pro Jahr. Naturwissenschaftler liegen mit rund 24'000 Franken im Mittelfeld, Maschinen- und Elektroingenieure kosten jährlich 32'000 Franken. Spitzenreiter bei den Universitäten sind angehende Zahnärzte: ihre Ausbildung kostet rund 42'000 Franken pro Jahr.

Bei den Fachhochschulen sind Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Sozialarbeiter mit jeweils rund 15'000 Franken pro Jahr am günstigsten. Eine Studentin in Architektur, Bau- und Planungswesen kostet Fachhochschulen jährlich etwa 30'000 Franken. Land- und Forstwirtschaftler verursachen Ausbildungskosten von rund 52'500 Franken pro Jahr (siehe Grafiken in der Bildstrecke).

Das Studium zum Schnäppchenpreis
Die Statistiken des BFS zeigen auch, dass sich an Schweizer Fachhochschulen und Universitäten immer mehr Studierende tummeln. Gegenwärtig liegt die Studentenzahl an Universitäten bei etwa 130'000 – eine gute Verdoppelung im Vergleich zum Wert vor dreissig Jahren. Das heutige System der Fachhochschulen entstand im Jahr 1995, gegenwärtig sind an Fachhochschulen rund 75'000 Studierende eingeschrieben.

Der Aufwand für diese Studierenden wird von Bund, Kantonen und Privaten getragen. An der ETH Zürich und Lausanne finanziert der Bund rund 90 Prozent des Gesamtbudgets, an den restlichen Universitäten und Fachhochschulen tragen Kantone typischerweise rund 60 Prozent des Budgets. Private tragen im Schweizer Hochschulsystem meist etwa 15 bis 20 Prozent zu den Budgets bei.

Welchen Anteil an den Ausbildungskosten die Studenten selbst tragen, geht aus den BFS-Statistiken nicht eindeutig hervor. Klar ist aber, dass die Beiträge der Studenten bei weitem nicht kostendeckend sind. In der Schweiz bezahlen Studierende pro Jahr Gebühren von zwischen 1030 Franken (Neuchâtel) und 4000 Franken (Tessin). In St. Gallen wurden die Gebühren für Schweizer Studierende jüngst erhöht, zukünftig werden sie 2440 Franken pro Jahr betragen.

Marktgerechte Bildung
Für Kurt Weigelt stehen diese Zahlen offensichtlich in einem Missverhältnis. «Sogar ein Metzgermeister zahlt für seine Ausbildung mehr als ein Medizinstudent», sagt er. Durch die verhältnismässig günstigen Gebühren steige die Zahl der Studenten übermässig an, dadurch sei die Qualität der Hochschulbildung gefährdet: «Mehr Studierende in der Schweiz zu haben, führt nicht automatisch zu einem höheren Bildungsniveau.»

Kostengerechte Anreizsysteme führen seiner Ansicht nach hingegen dazu, dass staatliche Bildungsgelder tatsächlich einen gesellschaftlichen Mehrwert abwerfen und Studierende sich bei der Studienwahl stärker am Arbeitsmarkt orientieren. Es sind die Argumente, die man seit den Bologna-Reformen zu Beginn des Jahrtausends vielfach gehört hat.

Eine Verhandlungsbasis
Bedenken, dass Menschen am Anfang ihrer Karriere durch hohe Studienkosten von der Ausbildung abgeschreckt werden, teilt Weigelt nicht. Die Gebühren fielen bei seinem Vorschlag nicht als Semestergebühren an, sondern müssten erst während des späteren Berufslebens in Form von höheren Steuern zurückbezahlt werden, sagt er. Seinem Rechenbeispiel gemäss würde ein alleinstehender Studienabsolvent mit einem steuerpflichtigen Einkommen von 120'000 Franken zusätzlich zur direkten Bundessteuer von 4580 Franken eine Hochschulabgabe in Höhe desselben Betrags entrichten.

Wer nach dem Studium weniger verdient, zahlt gemäss Weigelts System auch weniger rückwirkende Bildungssteuern pro Jahr – dafür braucht die betreffende Person länger, um ihre Gesamtschuld zu begleichen.

Mit Weigelts Vorschlag soll die Selbstfinanzierung des Studiums ausgehend von einem relativ kleinen Anteil auf den Vollbetrag der durchschnittlichen Studienkosten ansteigen. Dieser beträgt 23'000 Franken pro Jahr: eine hohe Einstiegssumme im politischen Verhandlungspoker um die mögliche Erhöhung von Studiengebühren.


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