Der Triumph der Städte

Philipp Löpfe, Der Bund, 28.06.2011

Die Credit Suisse hat kürzlich eine Studie über die Lebensqualität in der Schweiz vorgestellt. Das Resultat überrascht: An der Spitze der Hitliste steht nicht etwa Zürich, Zug oder Genf, sondern Uri. Ausgerechnet in dieser wirtschaftlichen Randregion ist das verfügbare Einkommen des durchschnittlichen Haushaltes am grössten. Mit anderen Worten: Nach Abzug von Miete, Steuern und Abgaben bleibt dem Urner Mittelstand am meisten Geld in der Tasche.

Diese Entwicklung mag überraschend sein, sie betrifft jedoch nicht nur die Schweiz. Ob New York, Paris, London, Genf oder Zürich: Das Leben in den Städten ist attraktiver und deshalb auch teurer geworden. Im 21. Jahrhundert haben sich damit die Verhältnisse im Vergleich zur zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf den Kopf gestellt. Damals floh der Mittelstand aus den Metropolen, weil die Kriminalität immer höher und die Schulen und die Infrastruktur immer schlechter wurden. Auch in der Schweiz war dieses Phänomen weit verbreitet. Zu den schlimmsten Zeiten von Drahtspitz und Letten wurde auch Zürich eine «A-Stadt» genannt, eine Stadt für Alte, Arbeitslose, Ausländer und Alkoholiker.

Der Mittelstand wandert aus
Heute sind gerade die Metropolen wieder extrem attraktiv geworden. Die Polizei hat die Kriminalität im Griff. In den Städten gibt es nicht nur attraktive Arbeitsplätze, es gibt auch eine grosse Auswahl an Kinos, Theater, Museen, Restaurants und Clubs. Die obere Mittelklasse, gut verdienende Doppelverdiener beispielsweise, kehren deshalb scharenweise in die Stadt zurück. Das hat Folgen auf den Immobilienmarkt: «Wenn die Immobilienpreise im Verhältnis zum nominalen Einkommen steigen – was geschieht, wenn die Städte viel angenehmer werden – dann kann es geschehen, dass die realen Einkommen in Zeiten des Erfolgs der Städte sinken», stellt der Harvard-Ökonom und Städte-Spezialist Edward Glaeser in seinem Buch «The Triumph of the City» fest.

Die viel beklagte «Seefeldisierung» in Zürich ist ein klassisches Beispiel dieser «Gentrifizierung», wie dieser Trend in der Fachsprache genannt wird. Weil immer mehr sehr gut verdienende Menschen in die Städte zurückkehren, verschlechtert sich das Einkommen des durchschnittlichen, mittelständischen Haushalteinkommens. Die stagnierenden Löhne können nicht mit den steigenden Mieten mithalten. Deshalb geht es den Menschen in den wirtschaftlichen Randregionen wie Uri plötzlich besser. Das wiederum hat Konsequenzen: Der Mittelstand in den Städten wandert aus. Auch dieser Trend ist international zu beobachten.

Houston ist ökologisch gesehen ein Albtraum
In den USA ist Houston eine Boomtown geworden. Logisch ist das nicht. Das Klima in Texas ist nicht besonders angenehm, Houston hat mehr als 90 Hitzetage pro Jahr. Trotzdem strömen die Menschen nach Houston. Der Grund ist simpel: Gemäss Glaeser hat die amerikanischen Durchschnittsfamilie wegen der tiefen Immobilienpreise in Houston jährlich rund 6000 Dollar mehr zur Verfügung als etwa in New York oder in San Francisco. Houston ist so gesehen der Kanton Uri, nur viel grösser.

Für die Umwelt hat dieser Trend verheerende Konsequenzen. Die Menschen leben zwar in naturnahen Waldsiedlungen, doch ökologisch gesehen ist Houston ein Albtraum: Wer dort in einem typisch-amerikanischen Einfamilienhaus wohnt, der verbraucht Unmengen von Energie: Er fährt viel mehr Auto und er muss sein Haus kühlen, weil es sonst im Sommer nicht auszuhalten wäre. Der Wunsch, im Grünen zu leben und günstige Immobilien haben so eine fatale Wirkung: Die Menschen leben in der schlechtesten aller ökologischen Welten. Der ökologische Fussabdruck eines durchschnittlichen Amerikaners ist deshalb doppelt so gross wie der eines durchschnittlichen Europäers.

Auch die Schweiz bewegt sich in diese Richtung. Im Kanton Zug beispielsweise wandert der Mittelstand bereits heute ab, weil er sich die Mieten nicht mehr leisten kann. Im Millionen-Zürich und am Genfersee zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Der Mittelstand wird verdrängt von einer schmalen Elite. Das ist nicht nur sozialpolitisch fragwürdig. Der «Triumph der Städte» wird auch zum ökologischen Debakel der Agglomeration. Das Mittelland wird rücksichtslos zerzaust und zersiedelt.


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