Unipolitik: Kampf um die besten Köpfe

Jürg Ackermann, Tages-Anzeiger, 30.04.2011

Kritik am Kampf um die besten Köpfe

Unis machen zunehmend Jagd auf Topstudenten – mit lukrativen Stipendien. Grund dafür sind unter anderem das Bologna-System und die weltweite Verflechtung. Studentenverbände kritisieren dieses Vorgehen.

Der Wettbewerb um die Topstudenten verschärft sich. Treiber dieses internationalen Konkurrenzkampfs sind die Bologna-Reform und die Globalisierung. Wer gute Studenten hat, steigert das Niveau der Forschung und zieht bessere Dozenten an. «Nicht alle können die besten Studenten haben. Der Wettbewerb wird immer härter», sagt Erich Thaler, Leiter des Ressorts International Affairs der Uni Basel.

Um im Kampf um die besten Köpfe zu bestehen, greifen die Unis zunehmend in den Geldtopf: So zahlt die ETH 30 ausgewählten Topshots (darunter ein Drittel Schweizer) 21'000 Franken im Jahr an die Lebenshaltungskosten. Die HSG lockt mit einem Sponsoring der amerikanischen Starr Foundation Topstudenten nach St. Gallen, und die Uni Basel bietet den besten Doktoranden in der Lifescience-Forschung dank einer Stiftung vollfinanzierte Doktorandenstellen an. In den Genuss dieses Geldes kommen theoretisch auch Söhne und Töchter von Millionären. Das einzige Kriterium bei der Stipendienvergabe sind Noten und Leistung.

«Ökonomisierung der Bildung»
Sehr kritisch beurteilen diese Entwicklung die Studentenverbände. «Die Förderung von wenigen durch Exzellenzstipendien reiht sich ein in den Ökonomisierungsprozess der Hochschulbildung. Dies steht im Widerspruch zum Prinzip des offenen Zugangs zur Bildung und zur breiten Förderung des Bildungsniveaus», sagt Romina Loliva vom Verband der Schweizer Studierendenschaften. Die Unis könnten so ihre besten Studierenden aussuchen, was automatisch eine Selektion aufgrund von sehr spezifischen Kriterien nach sich ziehe.

Die Unis lassen sich durch die Kritik nicht beirren. Wegen der Stipendien allein komme kaum jemand in die Schweiz, sagt Anders Hagström, zuständig bei der ETH für die internationalen Beziehungen. Wichtiger sei der gute Ruf der ETH und des Bildungsstandorts Schweiz. Hagström ortet jedoch Verbesserungspotenzial. Die Schweiz agiere im internationalen Wettbewerb um die besten Studenten zu föderalistisch. «Es ist bemühend, wenn die Schweizer Botschaft in Singapur Material über die Bildungslandschaft Schweiz für eine Messe braucht und dieses bei jeder Uni einzeln nachfragen muss.» Hagström nimmt insbesondere den Bund in die Pflicht, die Anstrengungen bei der Rekrutierung hoch qualifizierter Studenten stärker zu koordinieren.

HSG rekrutiert in Brasilien
Da liege Potenzial brach, sagt auch HSG-Marketingleiter Patrik Sonderegger. «Andere Länder machen viel mehr.» Die Universität St. Gallen lebt vor, was zunehmend auch andere Schweizer Hochschulen ins Auge fassen: Sie ist mit eigenen Büros in Wachstumsmärkten wie Brasilien und Singapur präsent. «Von den ausländischen Topstudenten profitiert nicht nur unsere Uni, sondern auch die Schweizer Wirtschaft», sagt Sonderegger. «Viele wählen den Studienort Schweiz, weil sie später auch hier arbeiten wollen.»

Ähnlich sieht dies Erich Thaler von der Uni Basel: Die Jagd nach den besten Köpfen sei angesichts der im internationalen Vergleich tiefen Maturandenquote wichtig – auch mit Blick auf den ausgetrockneten Arbeitsmarkt bei Ingenieuren, Informatikern und anderen Spezialisten. Selbst wenn ausländische Studenten wieder in ihre Länder zurückkehrten, seien sie für die Schweiz von Nutzen, meint Hagström. «Sie tragen ein Stück Schweiz in die Welt hinaus.»Die ETH profitiere davon, dass sie schon lange auf Internationalität setzte. So haben beispielsweise der aktuelle Vizepräsident der Chinese Academy of Science sowie die ehemalige Vizebildungsministerin Chinas an der ETH studiert, was wiederum sehr hilfreich sei bei der Rekrutierung von Topstudenten.


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