Hausebestzerinnen in Zürich, ein Gespräch

Aufgezeichnet von Daniel Ryser, WOZ, 17.02.2011


Ein Gespräch mit vier Hausbesetzerinnen

«Alles ist extrem viereckig. Genormt. Geformt.»


Nicht nur Wohnungsnot und unbezahlbare Mieten lassen junge Leute Häuser besetzen. Auf einer Tour durch die besetzten Häuser in der Stadt Zürich hat die WOZ vier Frauen getroffen, die über ihre Philosophie und ihre Lebensform sprechen.

Draussen ist Ausländer-raus-Stimmung, Kapitalismus, Aufschwung, Finanzkrise, Papst, Milliardengewinne, Milliardenverluste, Hans Fehr, Prügel, Panik, Schweinegrippe, Aufwertung, Verdrängung, Standortmarketing, Ökoterror, «Erlaubt ist, was nicht stört», Sitzverbot, Musikverbot, Rauchverbot, Allmachtsanspruch: Wer nicht Blocher wählt, ist kein Schweizer. Und irgendwo dazwischen war in den letzten Wochen rechten Medien zu entnehmen, besetzte Häuser seien ein Hort der Kriminalität.

Drinnen sitzen vier Hausbesetzerinnen und legen ihre Sicht dar: ein Blick auf eine Welt, in der nicht mit Boden spekuliert wird, in der Zäune nicht das Denken einschränken und die Architektur nicht den öffentlichen Raum entmenschlicht und sich das Leben nicht in einem Hamsterrad abstrampelt. Aber ist solch eine andere Schweiz wirklich möglich? Gesellschaftskritik im O-Ton und die Forderung, nach einer Utopie zu streben.

WOZ: Wie besetzt man eigentlich ein Haus?
Bernadette: Ich möchte lieber nicht über das Wie reden. Das Besetzen an sich ist ja nur ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck. Das sieht jedes Mal anders aus. Wie geht man vor? Kann man mit dem Besitzer reden?

Peta: Ich würde lieber über das Wieso reden. Für mich gibt es verschiedene Gründe, in einem besetzten Haus zu wohnen. Am Anfang fand ich es einfach ziemlich cool, befreiend. Mittlerweile finde ich es in erster Linie wichtig. Es braucht den physischen Raum, um Utopien zu leben. Gibt es keine solchen Häuser, fehlt der Anstoss, dies überhaupt zu tun. Selbstbestimmt zu leben, mit vielen Leuten undefiniert zusammenleben in einem Raum, der nicht klar verplant ist. Schon in einer WG wird das schwierig, weil du Räume hast, die du vermieten musst, weil du Miete bezahlen musst.

Karen: Leute, die nicht besetzen, kommen schnell mit dem Vorbehalt: Du zahlst ja keine Miete. Das soll irgendwas Negatives unterstellen. Es stimmt: Würde ich nicht besetzen, müsste ich mehr arbeiten, um meine Miete bezahlen zu können. Da ich besetze, muss ich keine Miete bezahlen, also habe ich Zeit, mein Daheim zu gestalten, viel Energie ins Gemeinschaftliche zu investieren, zu versuchen, nicht nach Regeln und Gesetzen zu funktionieren, sondern zu diskutieren, Dinge anzustossen, neu zu diskutieren, machen zu lassen, zu intervenieren und sich zu kümmern.

Bernadette
: Der Unterschied zu einer Mietwohnung zeigt sich schon auf praktischer Ebene. Wenn etwas kaputt ist, muss ich es selber reparieren.

Peta: Wir nutzen etwas und zahlen nicht dafür: In dieser Logik stimmt die Kritik voll und ganz. Aber dann muss man vielleicht die Logik anders deuten und nicht immer mit Geld aufwiegen. Was du tust, mag nützlich sein oder auch nicht, aber du beteiligst dich an etwas. Es geht nicht bloss um die gesparte Miete. Es ist eine Lebenseinstellung. Unabhängig sein, Sachen selbst angehen.

Karen: Es ist so, dass man sich einem gewissen Druck entzieht. Man kommt mit weniger Geld aus. Der undefinierte Raum bietet Möglichkeiten, die sonst fehlen. Zum Beispiel, ein Inter­esse und eine Leidenschaft auszuleben.

Katja: Es ist sicher ein Punkt, dass man keine Miete bezahlen muss. Aber es geht nicht um reine Bequemlichkeit. Es geht darum, dass man sich aus dem Markt nimmt, dem Hamsterrad, dem Umstand also, dass man schaffen muss, um überhaupt irgendwo wohnen zu können. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, hinzustehen und zu sagen: Ich zahle keine Miete. Ich muss ja irgendwo wohnen. Ich finde es eher fragwürdig, dass der grosse Teil der Bevölkerung Miete bezahlen muss.

Karen: Dass Boden überhaupt jemandem gehört, finde ich fragwürdig. Aber so wie die Situation ist, ist es gut, wenn gewisse Gruppen Boden erwerben und dort etwas machen, was Gemeinschaft fördert. Es geht ja nicht nur ums Besetzen. Ich finde es gut, wenn man Hausgenossenschaften gründet und selbstverwalteteten Raum schafft.

Bernadette: Ein grosser Teil der Leute nimmt die heutigen Verhältnisse als gegeben hin. Man muss mitmachen, andere Möglichkeiten gibt es gar nicht. Das hängt für mich auch damit zusammen, dass Freiräume fehlen. Das schlägt sich nicht nur im Wohnen nieder. Man müsste die Verhältnisse hinterfragen. Das Besetzen ist eine der Möglichkeiten. Man versucht, sich Raum zu schaffen, um Alternativen zu entwickeln. Dabei bewegt man sich natürlich auch permanent in Widersprüchen.

Katja: Das permanente Aushandeln der Leitplanken, wie wir in diesem Freiraum mitein­ander leben wollen, ist manchmal anstrengend. Und auf ein Grosses gedacht, wäre das sicher unvorstellbar anstrengend. Aber es kann ja nicht sein, dass man sich mit dem Jetzt abfindet, bloss weil es bequemer ist.

Peta: Den Leuten ist es ja eigentlich auch nicht egal. Die regen sich permanent auf. Am Znünitisch etwa: Alle regen sich auf. Alle regen sich über alle auf. Immer nur ein Gemotze. Über den Chef, die Autofahrer, über die Zeitung. Es motzen alle permanent. Nur für eine wirkliche Veränderung einsetzen wollen sich wenige.

Katja: Freiräume haben auch mit Denken zu tun. Und mit dem freien Denken wird es immer schwerer. Wir werden von klein auf zubombardiert, wie es sein soll. Wie wir sein wollen. Wir können zwar wählen zwischen a, b und c, aber die Richtung ist vorgegeben. Die Wahl ist nur in Ordnung, solange sie der kapitalistischen Logik entspricht.

Peta: Auch im öffentlichen Raum gibt es klare Vorgaben, wie man sich zu verhalten hat. Entweder du benutzt ihn zur Fortbewegung zu deinem Arbeitsplatz, oder du benutzt ihn zum Konsumieren, zum Einkaufengehen. Und dann gibt es zwar einen Park, und da kannst du sitzen. Aber mach das ja nicht auf der Bahnhofstreppe, sonst wirst du weggewiesen. Alles ist extrem viereckig. Genormt. Geformt.

Bernadette: Es werden etwa Räume geschaffen, die als öffentliche Räume deklariert werden, dem aber nicht entsprechen. Wie etwa das Mega-Einkaufszentrum Sihl City in Zürich: Das wird verkauft als Stadt in der Stadt. Dabei ist der Raum privatisiert.

Peta: Wie wird gebaut und wofür? Die Art, wie heute gebaut wird, lässt keinen Platz mehr für Unbestimmtes, jeder Winkel ist verplant. Es wird so gebaut, dass sich alles perfekt abgrenzen lässt und man noch einen Zaun darum herumbauen kann. Es gibt keine Nischen, nichts Dunkles, alles kann notfalls überwacht werden. In diesem Bild stört fast alles. Das ist das Stadtbild, das aufkommt. Und Lebensraum wird nun mal definiert durch die Bauart. Wenn du einen Park hast mit wuchernden Bäumen, kannst du unter einem Baum Sex haben. Oder was auch immer. Wenn du einen Park hast mit einem einzigen Baum mittendrin und einer Bank umgeben von Riesenflächen und nebenan angrenzend vier­eckige Häuser, hast du nicht einmal mehr Lust, dort zu knutschen. Die Architektur sorgt dann mitunter dafür, dass ja nicht gehockt und Fussball gespielt und gebadet wird, wo es offenbar nicht sein sollte.

Karen: Ob privat oder öffentlich – überall sind diese Sachzwänge. Es ist, wie es ist. Man will zwar nicht unbedingt, aber wir müssen das jetzt so machen. Wer zahlt denn die Hypozinsen? Wir müssen halt die Wohnung teurer verkaufen, weil der Eigentümer ja Rendite rausschlagen will. Oder der Boden wird halt immer teurer. Man kann gar nicht mehr billiger bauen. Man muss halt. Als wäre es ein Naturgesetz. Das ist ja nicht nur bei Immobilien so. Diese Sachzwang­argumentation. Die Leute sagen: Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer.

Peta: Das höre ich dauernd. Bei der Arbeit. Bei der Ausbildung. Die Logik ist meistens: Es muss rentieren, zeitlich, materiell, inhaltlich, finanziell. Immer. Das geht bis ins Persönliche: Es muss rentieren.

Katja: Wenn ich es nicht mache, dann macht es jemand anders – man gibt die Verantwortung ab an ein Ganzes. Man steht nicht mal mehr hin und sagt: Das ist mein Entscheid. Man muss halt so. Man ergibt sich dem System.

Peta: Natürlich kann ich nicht aus meinem kleinen Rahmen heraus ein System kreieren, wo ich mir sicher wäre, so würde es funktionieren, so wäre die Welt dann gerecht. Aber ich nutze die Freiräume, in diesem Fall das besetzte Haus, um das Herrschende, das ich ankreide, mit anderen Inhalten zu füllen. Und ich sehe auch den öffentlichen Raum als meinen Lebensraum an. So lebe ich ein Stück meiner Utopie. Aber wie wollen wir sagen, wie die Welt funktionieren soll? Das ist zu viel verlangt.

Bernadette
: Ein System auf alle anzuwenden, das widerspricht meinem Anspruch, selbst zu denken und gemeinsam Alternativen zu schaffen. Deshalb fände ich es komisch, zu sagen, was wir tun, ist die Lösung. Die Lösung liegt im Prozess, in der Entwicklung. Die kapitalistische Logik wirkt einer Gemeinschaft stark entgegen. Jeder muss hamstern. Das verdirbt Kooperation, Solidarität.

Katja
: Es gibt zudem wahnsinnig viele Leute, die durch dieses System überhaupt kein bequemes Leben haben. Ich profitiere ja selbst auch von den Verlierern. Wenn wir einen fairen Preis für alles zahlten, wäre es für uns hierzulande auch nicht mehr so bequem: einen fairen Preis für Kleider, Kaffe, Tee, meinen Computer. Es gibt Menschen, die leben unter unerträglichen Zuständen, damit wir es bequem haben. Krasse Lohnunterschiede, Ausbeutung. Sie sind gezwungen, zu arbeiten, damit wir konsumieren können. In der Schule habe ich gelernt, während der Industrialisierung sei alles so schlimm gewesen in unseren Fabriken. Jetzt seien wir so viel besser, hätten die Ungleichheit überwunden. Dabei haben wir die Probleme einfach ans andere Ende der Welt verfrachtet.

Peta: Wenn du komplett konsequent wärst, müsstest du ja aussteigen, deine Waldhütte aufbauen am Üetliberg.

Karen: Das will ich aber nicht. Ich finde auch nicht, dass die Technologie ein Problem ist, dass etwa keine Handys gebaut werden sollten. Ich möchte nicht in einer Höhle leben mit einem Feuer und im Wald die Kleider waschen. Ich mag das Leben angenehm. Das Problem ist die ungerechte Verteilung.

Peta: Das sehe ich auch so. Ich wohne in einem besetzten Haus, weil ich trotz aller Widersprüche in dieser Stadt leben will.



Vier Besetzerinnen
In Zürich gibt es zurzeit rund fünfzehn besetzte Häuser. Bernadette (31), Peta (28), Karen (36) und Katja (37) leben seit Jahren in besetzten Häusern in Zürich. Weil Hausbesetzungen sich in einem rechtlichen Graubereich bewegen, haben wir ihre Namen geändert. Die geänderten Namen sind den Bandmitgliedern von «Die Braut haut ins Auge» entlehnt, mögliche Ähnlichkeiten rein zufällig.


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