Reitschuel Bern: D Antwort uf iri Politik...

Etwa 5000 "Kulturleichen" machten sich heute in Bern auf die Suche nach neuen Freiräumen. Eine Verfügung des regionalen Regierungsstatthalters Christian Lerch verpflichtet nämlich seit 11.5.12 die Reitschule, auf dem Vorplatz Trinkende nach 00.30 wegzuweisen. Dieser Anweisung der Obrigkeit wurde mit einem von 4 Soundwagen und genügend Freibier begleiteten Umzug untertänigst Folge geleistet.

Strassenparty Vorplatz Reithalle
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Im Folgenden die Medienmitteilung der Mediengruppe der Reitschule.

Bern, 12. Mai 2012, 00.30 Uhr
Medienmitteilung

Umzug der Vorplatz-Weggewiesenen

Sehr geehrte Medienschaffende

In diesen Minuten werden, wie von Regierungsstatthalter Lerch angeordnet, die auf dem Vorplatz der Reitschule Anwesenden weggewiesen. Um die Folgen dieser kulturpolitisch und sozial harten Massnahme zu lindern, werden die Weggewiesenen mit der Spezial-Aktion "Rattenfänger von Hameln" auf der Suche nach einem neuen Verweil- und Begegnungsort musikalisch begleitet, von einem Nachtleben-Care-Team betreut und mit Gratis-Getränken versorgt.

Wie lange diese Suche dauern wird, ist leider unbekannt - sind doch viele öffentliche Plätze und Parks in der Stadt Bern durch Verreglementierung, Überuniformierung und temporäre kommerzielle Nutzung nicht nur für Vorplatz-Weggewiesene quasi unzugänglich geworden.

Die Reitschule Bern hofft, mit dieser Massnahme einen Lösungsansatz für die Bewältigung der Folgen der repressiven Nachtleben-Politik aufzuzeigen.

Die Reitschule Bern wird in den nächsten Tagen in ihren Strukturen über die weiteren juristischen und politischen Schritte beraten.

Unten finden Sie den Text des am Anlass verteilten Flugblatts.

Mit freundlichen Grüssen

Mediengruppe
Reitschule Bern



FLUGBLATT

Nehmt ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt

Ab dem 11. Mai 2012 gelten für die Reitschule verschärfte Betriebsauflagen (Zitat aus der Verfügung von Regierungsstatthalter Lerch: "Gäste, die Getränke nach 00.30 Uhr im Freien (inkl. Innenhof) konsumieren, sind wegzuweisen."). Damit wird schon wieder versucht, aus der Reitschule einen angepassten und pflegeleichten - normalen - Kultur- und Gastrobetrieb zu machen. Etwas, das die Reitschule nie war und niemals sein will!

Was bei der Reitschule immer wieder versucht wird, ist in der restlichen Stadt schon lange gang und gäbe. Es geht um Aufwertungspolitik, und die betrifft uns alle. Wenn wir uns im öffentlichen Raum aufhalten, werden wir von der Polizei oder von Securitys kontrolliert, schikaniert oder weggeschickt. Im öffentlichen Raum sollen mehr und mehr nur noch profitorientierte Veranstaltungen stattfinden. Damit wird er faktisch privatisiert - wie etwa auf der Grossen Schanze für die City Beach und das Orange Cinema.

Kultur und Freizeitangebote finden fast nur noch in Clubs statt, und auch das nur, solange sich niemand beschwert. Wer nicht genügend Geld für den Eintritt und die Drinks hat, muss draussen bleiben.
Gleichzeitig finden wir auch immer weniger Wohnungen, denn von Neubauwohnungen und Altbausanierungen profitieren meist nur Gutverdienende.

In der neoliberalen Gesellschaft befinden sich Städte in einem ständigen Konkurrenzkampf, um Unternehmen und damit Arbeitsplätze und Steuerzahler_innen anzuziehen. Dabei werden die Interessen der Bewohner_innen untergeordnet und unangepasste oder nicht so einfach zu vermarktende (Frei-)Räume zu Hindernissen, die verschwinden oder angepasst werden müssen.

Kurz, die Stadt soll für reiche Steuerzahler_innen attraktiv, schick und sauber sein. Mittels Überwachung, Polizei und privaten Sicherheitskräften werden dafür all jene vertrieben, die nicht in dieses Stadtbild passen.

Unser Lebensraum soll jedoch nicht von Politik, Behörden und Polizei verplant, reglementiert und überwacht werden, um im Standortwettbewerb gut abzuschneiden. Im Gegenteil: Wie unsere Stadt gestaltet ist, bestimmen wir selber!

Unsere Stadt - unser Raum - unsere Reitschule



Medienmitteilung vom Sonntag, 13. Mai 2012

Sehr geehrte Medienschaffende.

Die Reitschule Bern hat heute an ihrer Vollversammlung über die Verfügung des Regierungsstatthalters diskutiert.

Die Reitschule sieht die Verfügung im Zusammenhang mit einer Neoliberalisierung des städtischen und kantonalen Gemeinwesens. Städte werden wie Grossbetriebe geführt und müssen entsprechend rentieren und attraktiv sein u.a. für potente Steuerzahler_innen sowie für Unternehmen, die Arbeitsplätze mitbringen.

Dabei werden Interessen der Bewohner_innen, die für eine Stadt finanziell nicht interessant sind, untergeordnet. Unangepasste oder nicht so einfach zu vermarktende Freiräume werden zu Hindernissen, die verschwinden oder sich anpassen müssen.

In diesem Konzept soll die Reitschule zu einen angepassten und pflegeleichten - normalen - Kultur- und Gastrobetrieb werden. Etwas, das die Reitschule nie war und niemals sein will!

In diesem Sinne: Die Reitschule will kein Teil dieser Politik sein und wird sich weiterhin aktiv dagegen wehren.

An der Vollversammlung wurden die folgenden Schritte vereinbart:
- Die Reitschule wird die Verfügung innert der vorgegebenen Frist von 30 Tagen rechtlich anfechten.
- Die Reitschule sucht das Gespräch und eine vertieferte Vernetzung mit Berner Clubs und Beizen sowie den bereits gegründeten Vereinen für ein urbaneres Berner Nachtleben, da die Problematik bekannterweise nicht nur die Reitschule und ihren Vorplatz betrifft.
- Die Reitschule fordert alle dazu auf, sich aktiv für ein Bern mit Freiräumen jenseits der Geranienidylle inklusive Alpenpanorama einzusetzen - bei Tag und bei Nacht und nicht nur auf dem Vorplatz.

Wir freuen uns auf einen spannenden & kreativen Sommer!

Mit freundlichen Grüssen
Reitschule Bern
Mediengruppe

Christoph Lenz, Der Bund, 14.05.2012

Wiederholt sich die Geschichte?

Exakt 25 Jahre nach den Zaffaraya-Unruhen tanzten über 3000 Personen friedlich durch Berns Innenstadt. Sicherheitsdirektor Reto Nause sagt: «Wir haben dieses Signal wahrgenommen.»

Das Kommando kommt kurz nach 0.30 Uhr am Samstag. Eine Handbewegung des Anführers, dann geht es blitzschnell. Neben dem Pingpong-Tisch bei der Reitschule schlüpfen zwei Dutzend junge Männer aus ihren bunten Klamotten. Braune Oberarme schlenkern durch die Luft, greifen in Rucksäcke und ziehen schwarze Stoffknäuel hervor: Kapuzenpullover und Mützen mit Sehschlitzen. Nach wenigen Sekunden ist der schwarze Block uniformiert. Dann stehen die Burschen da und warten auf das nächste Kommando. Jenes zum Losmarschieren.

Hörte man sich in der vergangenen Woche in der Reitschule um, so waren sie die grösste Sorge der Aktivisten. «Ich hoffe nur, dass es gelingt, die destruktiven Kräfte zu kontrollieren», sagt ein Reitschüler wenige Minuten vor Demobeginn.

Kurz: Es gelingt. Rund 3000 Personen zogen am frühen Samstagmorgen vom Vorplatz der Reitschule zum Bundeshaus und wieder zurück. Drei Stunden dauerte die Tanzdemo. Brunnenfiguren wurden bestiegen, Bushäuschen erklommen, Leuchtfackeln und Knallpetarden gezündet. Aber: «Sachbeschädigungen gab es keine», sagt Nicolas Kessler, Sprecher der Kantonspolizei, am Sonntag. Die Polizei habe lediglich einige Tags und ein paar Sticker festgestellt. «Der Umzug verlief friedlich. Es gab keinen Grund, einzuschreiten.»

Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) sagt: «Die Demonstranten haben ein friedliches Zeichen gesetzt. Wir haben dieses Signal wahrgenommen.»

Das neue Regime ist in Kraft
Zurück auf den Vorplatz. Es ist 0.45 Uhr. Seit fünfzehn Minuten ist das neue Regime von Regierungsstatthalter Christoph Lerch (SP) in Kraft. Die Vorplatzbar müsste jetzt geschlossen sein, die Musik aus – und die Personen, die sich noch auf dem Vorplatz aufhalten, sollten verschwinden. Aber wer wollte diese Auflagen umsetzen? Genau ihretwegen sind die rund 2000 Jugendlichen ja herbeigeströmt. Weil sie «nicht einverstanden» sind «mit der Schliessung des Vorplatzes», wie es eine junge Frau aus Bern ausdrückt. Und nun warten alle 2000 Besucher darauf, dass irgendwas passiert. Die Menge steht unter Strom. Wann gehts los? Was ist das Ziel? Wo ist die Polizei?

«Nur mit der Ruhe», sagt die Aktivistin, die sich mit einem Stapel Papier in der Hand einen Weg über den Vorplatz bahnt. Auf ihren Flugblättern steht der Schlachtruf der heutigen Nacht: «Nehmt Ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt.»

Riesenechse mit Lautsprechern
Punkt 1 Uhr gehen die Lichter auf dem Vorplatz aus. Unvermittelt öffnet sich die Pforte zur Grossen Halle. Worauf sich, schwer und träge wie eine Riesenechse, ein mit Lichtgirlanden und Transparenten geschmücktes Sound-Mobil aus dem schwarzen Loch schleppt. Zeit für die Beastie Boys: Aus den Lautsprechern dröhnt «You gotta fight for your right (to party)», das offizielle Fanal des Reitschule-Widerstands. Die Besucher johlen und drängen zum Wagen. Dann setzt sich der Umzug langsam in Bewegung – über die Schützenmatte, das Bollwerk hoch. Aus den umliegenden Bars und Seitengassen strömen immer neue Teilnehmer hinzu, bis sich der Umzug vom Bahnhof bis zur Speichergasse erstreckt.

Wie war das 1987?
Ist das jetzt eine neue Jugendbewegung? Viele Teilnehmer sind davon überzeugt. Immer wieder fallen die Stichworte Zaffaraya-Räumung und 1987. Auch damals gab es Nachtdemos. Auch damals protestierten Tausende Jugendliche gegen die «Vernichtung von Freiräumen» und für die Reitschule. Sogar die Symbolik ähnelt sich. 1987 trugen die Demonstranten Masken von Polizeichef Marco Albisetti. Am Samstag sind es Papp-Gesichter des Regierungsstatthalters. Gegen 2 Uhr morgens tanzen Hunderte von Christoph Lerchs vergnügt über die Spitalgasse.

Und auch im Internet werden die Ereignisse verknüpft. Das erste Youtube-Video, das Bilder der Tanzdemo zeigt, ist unterlegt mit «Hansdampf» von Züri West. Der Song war 1987 eine der Hymnen der Jugendbewegung.

Vielleicht ist es auch nur Nostalgie. Als die Tanzdemo um 2.15 Uhr beim beleuchteten Bundeshaus ankommt, steht ein älterer Reitschule-Aktivist etwas abseits. Es sei schon schön, sagt er, aber er weiss dann doch noch etwas an dieser Demo auszusetzen: Dass die Demonstranten an der UBS-Filiale vorbeiziehen, ohne dass ein einziger Farbbeutel fliegt – eine Sünde. Er lächelt. «S’isch eifach nümm wie früecher.»

Um 4 Uhr auf dem Vorplatz
Kurz nach 3 Uhr fallen Regentropfen aus dem schwarzen Himmel über dem Bundesplatz. Umringt von immer noch Hunderten Tänzern rollen die Sound-Mobile los. Durch die Spitalgasse, über den Bahnhofplatz, das Bollwerk hinunter, zurück zum Vorplatz. Hier wird nach 4 Uhr noch ein bisschen weitergefeiert. Bis die Jungs vom schwarzen Block wieder in ihre Alltagsklamotten schlüpfen und sich die Riesenechsen in ihre Höhle verkriechen.


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