Teil 2: Am Anfang war: Die Krise der Stadt

Nick W. (23.08.2010): Wohnungsnot und Hausbesetzungen in Zürich, Teil 2: Am Anfang war: Die Krise der Stadt, link_ikon fm5ottensheim.blogspot.com.

link_ikon Teil 1: Wohnungsnot als Tradition
link_ikon Teil 2: Am Anfang war: Die Krise der Stadt
link_ikon Teil 3: Hausbesetzungsbewegung 1970 bis 1993
link_ikon Teil 4: Räumungspraxis vor und nach 1990

Bevor hier von einer Hausbesetzung zur nächsten gesprungen wird, noch ein weiterer Teil zu jenem gesellschaftlichen, strukturellen (Raum- und Verkehrsplanung und -entwicklung) und wirtschaftlichen Wandel, der die Entstehung von "Widerstand" (gegen Abriss, gegen Neubau, gegen Straßen usw.) überhaupt erst möglich bzw. notwendig gemacht hat. Dies erscheint mir insofern wichtig, da auf diese Hintergründe meist nur selten eingegangen wird - zum einen wohl deswegen, da sie niemand (der nicht selbst von Anfang an, also schon in den 60ern, 70ern, dabei gewesen ist) kennt, zum anderen, weil man sich damit zufrieden gibt, dass es "halt" irgendwann zwischen 1968 und 1980 überall angefangen hat, "das mit den Besetzungen und so"... Auch hierfür nütze ich wieder Wo-Wo-Wonige!, jene umfangreiche, als Buch veröffentlichte, Dissertation von Thomas Stahel, als hilfreiche Quelle, die uns "Nachkommenden" jene jahrelange, mühselige Recherchen in Archiven, Bibliotheken und Hauskellern erspart, die Stahel augenscheinlich auf sich genommen hat.

Nach dem Krieg: Aller Platz den Autos, alle in die Städte!
Bevor die Stadt "in die Krise" kam, geschah folgendes: Wir schreiben das Jahr 1950: die Welt hat sich von den gröbsten Kriegsschäden erholt, die Trümmer sind weg (und in der Schweiz gab es sowieso kaum welche) und alle feiern den Wirtschaftsaufschwung. Die Massenproduktion feiert ihren Siegeszug um die Welt und macht Dinge für Jedermann und Jederfrau erschwinglich, die in den (ohnehin von der Weltwirtschaftskrise von 1929 gezeichneten) 30er-Jahren noch Luxus waren: das Haus im Grünen, das eigene Auto und der paradiesische Supermarkt mit großem Parkplatz nur wenige Fahrminuten entfernt.

Die Schweiz unterscheidet sich zu dieser Zeit kaum von anderen westlichen Ländern: Von 1950 bis 1970 nimmt die Zahl der Autos um 700 % zu, von 1952 bis 1972 verdoppelt sich die überbaute Fläche in der Schweiz. Was das heißt, muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen: die selbe Fläche, die in Hunderten bis Tausenden von Jahren vor 1952 in der Schweiz bebaut wurde (also Gebäude, Straßen und Plätze jeglicher Art), wurde binnen 20 Jahren nochmals bebaut --> Stichwort: Zersiedelung, (fehlende!) Raumplanung. In einer Zeit, wo sich Ost und West, Kapitalismus und Kommunismus, mit Atomwaffen gerüstet auf einen zumindest verbalen und ideologischen Kampf um Leben und Tod konzentrierten, genügte es schon, den bloßen Gedanken an eine geordnete Raumplanung als "kommunistisch" zu bezeichnen, und die Debatte war vom Tisch. Einzig bei der Verkehrsplanung zogen alle Parteien und Interessensvertretungen an einem Strang: Die Schweiz benötigte dringend ein hochrangiges Straßennetz: das Nationalstrassen-Projekt soll raschestmöglich verwirklicht werden, und zwar möglichst ins Zentrum jeder großen Stadt: Praktischerweise haben die meisten Großstädte Flüsse im Zentrum, die sich doch bestens für Autobahnen auf Betonstützen eignen. Ähnliche Projekte gab es übrigens auch in Wien: Die Westautobahn sollte über den Wienfluss bis zum Karlsplatz geführt werden. Die meisten dieser Projekte scheiterten zum Glück.

All diese Veränderungen sind Folgen eines grundsätzlichen wirtschaftlichen Wandels, der wiederum auf extreme Produktivitätssteigerungen (in der Landwirtschaft wie in der Industrie) zurückzuführen ist. Während die Industrie auch in der Schweiz noch bis in die 60er-Jahre Wachstumsraten verzeichnete, ging die Bedeutung der Landwirtschaft sowohl als Arbeitgeber als auch wirtschaftlich stark zurück, zugunsten von massiven Expansionsraten im Dienstleistungsbereich: die Stadt wird mit Büros für dieses und jenes überwuchert. Alte Gebäude müssen weg, doppelt so hohe mit zehn mal so vielen Räumen für Büros müssen her. Und dass die Büros nicht auf den Grundstücken ehemaliger Bauernhöfe sondern in der Stadt gebaut wurden und werden muss nicht extra erwähnt werden. Dieser Wachstumsboom in den Städten beflügelte aber nur die Tendenz der Bevölkerung, sich in der Nähe von Städten (statt mittendrin) ansäßig zu machen - also noch mehr Zersiedelung, noch größere Straßen, die Stadt und Vorstadt verbinden.

Die Utopie des unbegrenzten Wachstums in vorgegebenen, immergleichen Mustern und Strukturen (immer mehr Wohnklötze, Büroklötze, Autobahnen und Einkaufszentren - mit der Folge: zunehende Anonymisierung, Entfremdung von Stadt und Lebensumwelt, Zerstörung von althergebrachten sozialen und ökonomischen Gefügen) wird zunehmend zur Dystopie: Reißbrettstadt-Visionen à la Le Corbusier & Co erscheinen immer mehr als Bedrohung denn als "logische" nächste Stufe auf dem Weg in die Zukunft des "modernen" Menschen.

Dennoch: der "Boom" der Vorstädte blieb vorerst ungebrochen. Bis in die 70er, 80er-Jahre dauerte jene Phase des durch Abwanderung in die "grünen" (zubetonierten) Vorstädte und -orte bedingten Städteschrumpfens, das letztlich nur noch Arme, Alte und andere "Randgruppen" in den Städten zurückließ, die es sich eben nicht leisten konnten, ein Haus im "Grünen" zu bauen. Freilich blieben diese Leute nicht in den Innenstädten zurück, die schließlich mit teuren Büros und Geschäftsflächen zugepflastert wurden, sondern in den Wohnvierteln rund um die Innenstädte. Erst in den 80er-Jahren ging der Bevölkerungsrückgang in Zürich zurück, seit den 90ern nimmt die Bevölkerung wieder zu: Nun beginnt jene Phase der für westliche Städte typischen "Rückbesinnung" auf die Städte, die im kapitalistischen Rahmen zu einem neuen Phänomen führte (und immer noch führt): die Gentrifizierung. All jene, die entgegen aller Trends in den Städten geblieben sind, sollen nun mit aller Gewalt aus ihren Häusern entfernt werden, um neuen, prestigeträchtigen Yuppie-Wohnungen Platz zu machen... aber das ist ein anderes Kapitel, wir sind noch in den 1960ern...

Zu dieser Zeit sprach man also allmählich von der Krise der Stadt. Anfang und Mitte der 60er erscheinen erstmals Bücher die sich explizit den (negativen) Folgen der Suburbanisierung widmen: "Die Unwirtlichkeit der Städte" (über die Vernachlässigung der psychischen Bedürfnisse im modernen Städtebau) des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich. Qualitative Defizite des quantitativen Massenwohnungsbaus werden aufgezeigt. Schlagworte lauten: architektonische Monotonie und Reizarmut, Anonymisierung, Konzentration des Eigentums. Ein Diskursprozess setzt ein, der sich für "eine andere Stadt" stark macht. Beflügelt durch revolutionäres Aufbegehren im Zuge der Hippie-Bewegung und der internationalen 68er-Proteste kam es auch in Zürich zu ersten Protesten, die sich an der lange ungehörten Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum entzündeten.

Vom Mieterkampf zum Häuserkampf: Es regt sich Widerstand
Es dauerte bis in die 60er-Jahre, als nach und nach vereinzelt Stimmen in der Öffentlichkeit laut wurden, die sich kritisch diesem schranken- und gewissenlosen Wachstum von Städten und Verkehr zulasten von Natur, Freiraum und sozialen Strukturen gegenüberstellten. Das andauerende, rücksichtslose Niederreißen von prächtigen Altbauten in den Städten (was auch in Wien exzessiv betrieben wurde) zugunsten uniformer, aalglatter Betonklotze zu Wohn- und Arbeitszwecken stieß zunehmend auf Widerstand. Zunächst waren es vor allem Mieterstreiks und Mieterproteste: Der sogenannte Mieterkampf war stets lokal verankert, mobilisierte Bewohner und Nachbarn gegen Abriss- und Neubauprojekte - gegen Gentrifizierung, würde man heute wohl sagen. Diese Proteste sind überwiegend kaum oder gar nicht dokumentiert, das öffentliche (oder genauer gesagt: das mediale) Interesse hielt sich in Grenzen.

Es dauerte noch eine Weile, bis aus diesem Mieterkampf der Häuserkampf wurde. Den Protest auf die Straße brachte aber zunächst die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum - eine Forderung, die die Stadt gerne auf die lange Bank schob und die am 31. Mai 1968 nach einem Jimi Hendrix-Konzert im Hallenstadion in Schlachten mit der Polizei beantwortet wurde.

Globuskrawall: Die Jugend begehrt auf und stellt ein Ultimatum
Nachdem die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ) nicht bzw. mit einer provisorischen Notlösung in einem leerstehenden Warenhaus ("Globus"), dem sogenannten "Globus-Provisorium" beantwortet wurde, wo die Jugend zwei Tage (?) bleiben durfte, stellte die Jugendbewegung der Stadt ein Ultimatum: Bis zum 1. Juli müsse die Stadt ein dauerhaft geeignetes Gebäude für ein AJZ bereit stellen, oder ...? Ja, was wollen die schon machen, werden sich die Stadtobersten gedacht haben. Die Stadt zeigte keinerlei Verständnis und ging nicht auf die in ihren Augen anmaßenden Forderungen ein. Am 29. Juni 1968 kam es zu einer Demonstration, die in einer Straßenschlacht mit der Polizei endete, die als Globuskrawall in die Stadtgeschichte einging. Die Polizei ging mit voller Härte gegen die Demonstranten vor, die sich wiederum zu Notwehr berechtigt sahen. Die Jugendbewegung wurde an diesem Abend "wortwörtlich zerschlagen", so Stahel. Die Szene spaltete sich auf in "Ouvrieristen" ("Avantgardisten") und "Spontis" ("Autonome) (daher hat der alte 68er Hahn also dieses Wort...?). Erstere sahen sich in der Tradition des Klassenkampfes, zweitere entwickelte spontane und subkulturelle Organisationsformen.

"Urbane Probleme" standen im Fokus der damaligen Jugendbewegungen. Also jene in den vorigen Abschnitten beschriebenen "entfremdenden" Entwicklungen, aber auch die in meinem letzten Blog-Eintrag, dem Ersten Teil dieser Serie, beschriebene latente Wohnungsnot. In diese Zeit fiel auch die Aufhebung des Mietnotrechts, das bis dahin Mietpreiserhöhungen überwachte und regulierte sowie angemessene Kündigungsfristen gewährleistete, was die Bereitschaft zu Protestaktionen weiter erhöhte. Es kam zu ersten Hausbesetzungen, die sich gegen Wohnraumspekulation und "City-Ausdehnung" (die von der Innenstadt ausgehende Urbarmachung umliegender Stadtviertel für Immobilienprojekte und -spekulation zulasten der eingesessenen Wohnbevölkerung, also im Grunde nichts anderes als Gentrification) richteten.

Eine andere Stadt ist möglich: Eine Bewegung entsteht
Wie sehr die Wohnraum-Frage in die Mitte des gesellschaftlichen Diskurses gerückt war, zeigt auch, dass es um 1970 nicht nur eine nationale Volksinitiative für das Recht auf Wohnraum gab, sondern dass sie nur knapp abgelehnt wurde.

Auf unterschiedlichen Ebenen setzte man sich nun für die "andere Stadt" ein. Neue Straßenverkehrsprojekte wurden grundsätzlich infrage gestellt, die Belastung für Anwohner solcher Straßen rückte in den Vordergrund und wurde nichtmehr als "unvermeidbare Folgeerscheinung" akzeptiert. Die Avantgardisten versuchten, unzufriedene Teile der Bevölkerung zu politisieren, die SP (Sozialdemokraten) lancierte den "Appell von Zürich zur Rettung der Städte" und universitäre Kreise starteten "die erste grosse Stadtentwicklungsdebatte" und erklärten das geplante Projekt einer Autobahn über den Flüssen Sihl und Limmat in die Innenstadt zum "Inbegriff der Stadtzerstörung".

Trotz aller Unterschiede in Reichweite und Radikalität kann daher, so Stahel, von einer breiten Bewegung mit einer gemeinsamen Identität gesprochen werden. Die direkte Demokratie der Schweiz kam diesen Gruppierungen und Initiativen dabei zugute. Viele Projekte - Autobahn-Ausdehnungen in die Innenstadt, Parkhäuser, Wohnsiedlungen auf Grünflächen usw. - wurden zum Objekt von Volksabstimmungen gemacht und abgelehnt. Am deutlichsten zeigte sich die Kraft der Bewegung laut Stahel am Projekt einer U- und S-Bahn im Jahr 1973. Das Projekt galt anfangs als unbestritten, doch kippte die öffentliche Meinung nach diversen Kampagnen und Aktionen binnen weniger Monate ins Negative und wurde schließlich per Volksentscheid abgelehnt. Die Kritik richtete sich gegen die absehbare Mietpreisexplosion und Verdrängung der ansäßigen Wohnbevölkerung in Folge der enormen Attraktivitätssteigerung rund um die geplanten U- und S-Bahn-Stationen. Die Ablehnung dieses Projektes durch das Volk brachte die "Wachstumskoalition" zum Zusammenbruch und führte allmählich zu einem Paradigmenwechsel in der Stadtpolitik. Nicht zuletzt auch durch die Ölkrise von 1973, die den Glauben an grenzenloses Wachstum und automatische "Höherentwicklung der Gesellschaft" weiter ins Wanken brachte. Die darauffolgende Rezession gab der Stadt schließlich auch eine Verschnaufpause, die den angefangenen Paradigmenwechsel - von unbegrenztem, rücksichtslosem Wachstum zu "Stabilisierung" - vollendete.

Gleichzeitig führten Entlassungen in den Fabriken auch zu einer ablehnenderen Haltung von ArbeiterInnen gegenüber "jeglicher subversiver Mobilisierung". Die stärkste Phase der Bewegung, die laut Stahel von 1970 bis 1974 andauerte und als Ergebnis den besagten städtebaulichen Paradigmenwechsel hervorbrachte, ging auch deshalb zu Ende. Die meisten revolutionären Gruppierungen, die aus den 68er-Unruhen hervorgegangen waren, lösten sich bis spätestens 1976 auf.

Die ungebremste, seit den 50er-Jahren anhaltende "Bauwut" konnte zwar nicht beendet werden, aber zumindest gebremst. Zwischen 1968 und 1974 entstand jener Kompromiss zwischen der Wachstums- und Modernismus-Fraktion, die bis dahin ohne Widerstand das Geschehen dominiert hatte, und linken, alternativen Gruppierungen, Initiativen und Bewegungen, der zum einen den besagten Paradigmenwechsel hervorgebracht hatte und zum Anderen die Stadtentwicklung von Zürich bis heute prägt. Volksabstimmungen sind hierbei die stärkste Waffe, die neoliberalen, kapitalistischen, kommerziellen (Groß-)Bauprojekten entgegen gehalten werden können.

Der Aufbau (zivilgesellschaftlicher, oppostioneller) Strukturen und Organisationsformen zur Aufklärung und Mobilisierung der Bevölkerung für oder gegen Projekte und Initiativen wurden damals geschaffen und haben sich bis in die Gegenwart weiterentwickelt, ausgebreitet und teilweise auch institutionalisiert (Stichwort: NGOs).

So viel zu den Hintergründen, den Verbindungen zwischen Mikro- und Makro-Ebene und der gesamtstädtischen Baupolitik insgesamt. Im nächsten, dritten Teil, kommen wir dann endgültig im Detail zu den direkten Aktionsformen auf der Straße und in den Häusern - als Übergang zu den Besetzungen der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart (worüber ich in der Zwischenzeit weiter recherchiere).

- Quelle: Thomas Stahel: Wo-Wo-Wonige! Stadt- und Wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. Paranoia City Verlag, Zürich 2005, S. 55-66


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