Innerschweiz: Bauboom versus Landschaftsschutz

Erwin Haas, Tages-Anzeiger, 7.7.2010
Aufruhr an der Innerschweizer Riviera
Dörflichen Kurorten wie Gersau, Vitznau und Weggis am Sonnenhang der Rigi droht laut Landschaftsschützern die Verschandelung.


Im Perimeter des schützenswerten Ortsbildes von Gersau, direkt hinter der Promenade und Seestrasse, tut sich nach Ansicht des Landschaftsschutzverbandes Vierwaldstättersee Verwerfliches: In der Fluhegg am Ostrand des Dorfes plant die Investmentfirma CasaDevelopment einen fünfstöckigen «Seepark»-Kubus mit 14 exklusiven Eigentumswohnungen. Kostenpunkt pro Appartement: gut 700 000 bis fast 1,4 Millionen Franken.

Der Bezirksrat hat den Bau an der Innerschweizer «Riviera» im April mit dem Segen des Kantons bewilligt. Doch damit der Glasbau Platz hat, muss das historische Herrschaftshaus Villa Maria neben der Kirche um 20 Meter zum Gotteshaus hin verschoben werden. Das widerspreche internationalen Konventionen und werde den Charakter des Dorfs mit der majestätischen Pfarrkirche zerstören, sagen die Landschaftsschützer. Dass der Schwyzer Denkmalschützer argumentiert, ohne die Verschiebung der Villa lasse sich die Parzelle «zweifellos nicht vernünftig nutzen», bringt sie auf die Palmen, die am milden Rigi-Südfuss wachsen.

Hoteltürme direkt am See
Das Beispiel Gersau ist nur eines von vielen, das die Landschaftsschützer beunruhigt. Sie beklagen, dass Baugesuche «ohne genügende Vorabklärung» der Landschaftsverträglichkeit ausgeschrieben würden. Die Projekte würden einfach aufgelegt, «und die Behörden warten ab, ob eine Einsprache eingereicht wird».

Beim Projekt Residenz Hertenstein in Weggis etwa habe das Luzerner Amt für Raumentwickung und Wirtschaftsförderung als Vorinstanz einen Plan mit 55 Meter hohen Hoteltürmen direkt am See toleriert. Und dies, obwohl der Standort im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung liegt. Erst die von der Gemeinde Weggis beigezogene Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) habe die Projekte dann als nicht landschaftsverträglich zurückgewiesen.

Die Landschaft wird degradiert
Ein drittes Beispiel ist das Hotelprojekt Albana in Weggis, das im Dorf «wegen überrissener Dimensionen» heftige Kontroversen ausgelöst hat. Scheinbar herrsche bei den kantonalen und kommunalen Behörden «eine ökonomistische Denkweise vor», sagt Peter Möri vom Landschaftsschutz Vierwaldstättersee. Diese Tendenz führe dazu, die Landschaft zum Verbrauchsmaterial zu degradieren.

Aus der Sicht der Kantone ist die gesetzliche Rechtslage allerdings klar: Die Hoheit für Baubewilligungen in Bauzonen und damit auch die Verantwortung für den Landschaftsschutz liege bei den Gemeinden, sagt Sven-Erik Zeidler, der Leiter des Luzerner Amtes für Raumentwicklung, Wirtschaftsförderung und Geoinformation. Und für Projekte in den Bauzonen sei es nicht obligatorisch, die ENHK anzurufen.

Gegensteuer mit einer Charta
Wie es der Name des Amtes schon sagt, wägen die kantonalen Fachleute nicht nur die Interessen der Gemeinden und Ortsbildschützer ab, sondern auch jene der Bauherrschaften. Der Landschaftsschutz am Vierwaldstättersee werde an Bedeutung gewinnen, sagt Zeidler, doch entscheiden müsse die Politik.

Die Natur- und Landschaftsschutzkommission des Luzerner Kantonsrates hatten die Bürgerlichen 2003 ersatzlos gestrichen. Der Landschaftsschutzverband gibt jetzt Gegensteuer mit einer «Charta Vierwaldstättersee», an der alle Beteiligten in den fünf angrenzenden Kantonen mitwirken sollen. Für eine nachhaltige Entwicklung an diesem einmaligen See sei eine neue, Gemeinde- und Kantonsgrenzen überschreitende Strategie notwendig.


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