Tutorium` Gentrification – Die 80er-Revolte in Bern, von AJZ bis Zaff

Veranstaltung 10, 4. Mai 2009, DM & JO

Gentrification und dessen Ursachen

Lees, Loretta (2000): A reappraisal of gentrification: towards a ‘geography of gentrification’, In: Progress in Human Geography 24,3. pp. 389–408.

Loretta Lees diskutiert ausgewählte Gentrification- Literatur der letzten 30 Jahre und fasst zunächst drei verschiedene Konzepte des Gentrification- Verständnis zusammen:

1. Die emanzipatorische Stadt (Hauptvertreter: Caulfield) und die neue Mittelklasse (Hauptvertreter: Ley/Butler)
Die Stadt wurde lange Zeit als potentiell befreiender Raum dargestellt, der durch soziale, politische und wirtschaftliche Aushandlungsprozesse immer wieder neu produziert und reproduziert wird. Dieser berge die Möglichkeit, institutionalisierte Übermachtgefüge zu überwinden. Die Übersiedlung in die alten innerstädtischen Wohngebiete ermögliche den Gentrifiern, die hegemonialen Kulturdefinitionen zu untergraben und neue Räume für alternative Kreativität und soziale Aktivitäten zu schaffen. Diese Durchmischung der alten Wohngebiete wurde als Toleranz fördernder Raum sozialer Diversität gefeiert. Eine solche Ansicht ist freilich Nachfrage- geleitet, fokussiert also ausschliesslich auf die Motivation der Gentrifier und ignoriert grosszügig die Lebensrealitäten der ehemaligen BewohnerInnen der alten „Bausubstanz“ und ökonomische Abläufe. Die Annahme von Gleichheit (auch vor der Stadtverwaltung) ist in diesem Zusammenhang zynisch und verschleiert die Produktion von Ungleichheit durch den Prozess der Gentrification, so Lees’ Kritik. Auslöser der Gentrification ist in diesem Konzept eine kulturelle Verschiebung und die damit verbundenen Entwicklung einer neuen Mittelklasse. Diese „emanzipierten Gentrifier“, klassischerweise mit Verwurzelung in den Jugendbewegungen der 1960er Jahre, haben bereits den ersten Zyklus des Gentrificationsprozesses initiiert und haben aus den alten Wohngebieten gehobene Familienwohngegenden werden lassen. Diese neue Mittelklasse läuft nun Gefahr, in einem neuen Prozess von finanzstarken Geschäftsleuten aus den „erkämpften“ Wohngebieten verdrängt zu werden (Super-Gentrification). Hierbei wird die Problematik einer einheitlichen Verwendung der Bezeichnung „Gentrifier“ offensichtlich, handelt es sich doch um Akteure aus verschiedenen sozialen Kontexten, mit unterschiedlicher Motivation und auch zeitlich völlig verschiedenen Kontexten (siehe Text von Smith/Hackworth). Hieraus entsteht eine Forderung nach differenzierten Definitionen, auf die später noch eingegangen wird.

3. The Rent Gap (Hauptvertreter: Smith)
Im Gegensatz zu der oben beschriebenen Position geht dieser Ansatz von einer angebotsorientierten Produktion von Gentrification aus. Im Zentrum dieser Position steht das Konzept der Rent Gap, welches im Grunde die Differenz zwischen der potentiellen und der kapitalisierten Bodenrente beschreibt. Es wird davon ausgegangen, dass das Kapital immer an diesen Ort fliesst wo es die höchste Rendite erbringen kann. Gentrification ist somit ein strukturelles Produkt des kapitalistischen Land- und Immobilienmarktes. Die kulturellen Erklärungen werden nicht grundsätzlich abgelehnt, da sie zentral sind für die Auslösung des Gentrificationprozesses. Aber gerade Smith gibt dabei zu bedenken, dass die sozialen Prozesse ebenfalls zu einem grossen Teil strukturell produziert sind und demnach nicht von jenen gesellschaftlichen Verhältnissen abgegrenzt werden können, welche hinter den treibenden ökonomischen Kräften der Gentrification stehen. Gentrification sei heute eine Global Urban Strategy, so Smith, und sei als die kleinräumige und lokale Ausprägung der globalen Segregation von Arm und Reich zu verstehen. Darum spricht Smith auch von der Revanchist City, womit er einen Kampf um die Innenstädte beschreibt, in dessen Zuge reichere Bevölkerungsgruppen in einem Art „Rachefeldzug“ die innerstädtischen Wohngebiete von den ärmeren Bevölkerungsgruppen zurückerobern.

Gentrification- Forschung nach neuen Prinzipien
Die Einbeziehung von Geschlecht und Ethnizität in die Analyse von Gentrification- Prozessen sowie eine eigene Hinterfragung der Gentrification- Forschung bis dato sind laut Lees positive Anzeichen für ein wieder- erstarkendes, kritisches Interesse am Forschungsgegenstand Gentrification. Zur Unterstützung dieses Prozesses fordert Lees zu einer neuen „Geographie der Gentrification“ auf, die den neuen städtischen Entwicklungen gerecht werden soll. Die Forschung unter diesem Titel sollte folgende Aspekte betonen: 1) „Financifiers“ sollen als neue Gentrifiers wahrgenommen werden und auch als neue Gruppe durch eine neue Benennung dargestellt werden: Die finanzstarken Unternehmer haben die früheren klassischen Gentrifier abgelöst. Somit sollen die aktuellen GF-Prozesse zeitgemäß behandelt werden. 2) Drittwelt Immigration und die Auswirkungen der so entstehenden unmittelbaren Nähe von ethnischen Minderheiten und Gentrifiern in der Global City sollen näher untersucht werden. 3) Genauso soll die Gentrification durch Schwarze bzw. ethnische Minderheiten verstärkt untersucht werden (Abwendung von der einseitigen Zuschreibung der „Opfer- Rolle“) 4) Lees fordert ausserdem eine kritischere Betrachtung (und Dekonstruktion) des Gentrificationsdiskurses. Beweise für den Bedarf einer solchen kritischen Dekonstruktion sieht Lees in aktuellen „Lebensqualität“ - Kampagnen verschiedener US-Städte.

Davidson und Lees (2005) plädieren aus der Erkenntnis, dass sich Gentrification erheblich gewandelt, globalisiert und ausdifferenziert hat, für eine etwas andere und offenere Definition von Gentrification: 1) Reinvestition von Kapital; 2) soziales Aufwerten des Lokalen durch Eindringen von besserverdienenden Schichten; 3) Umwandlung der Landschaft; 4) direkte oder indirekte Verdrängung von schlechterverdienden Schichten.

4 Phasen der Gentrification
Hackworth, Jason/ Smith, Neil (2001): The changing state of gentrification, In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie, 92/4, S.464-477.
Lees, Loretta/ Slater, Tom/ Wyly, Elvin (2008): Gentrification, London, Routledge.

Hackworth und Smith beschreiben drei Phasen von Gentrification, welche 2008 von Lees et al. um eine vierte ergänzt wird. Einschränkend muss gesagt werden, dass diese Phasen vor allem für die Global Citys und Städte des angelsächsischen Raumes zutreffen.

Erste Welle: Vereinzelt und staatlich getragene Gentrification
Schon vor 1970 war es vereinzelt aber weitverbreitet zu Gentrification gekommen. Europäische, Nordostamerikanische und Australische Städte wurden das Ziel von staatlichen Reinvestitions- und Aufwertungsprogrammen, die von allem Anfang an verdrängend auf die vormaligen BewohnerInnen der betroffenen Stadtviertel wirkten.

Zweite Welle
: Expansion der Gentrification
Mit dem Anziehen der Konjunktur zum Ende der 1970er Jahren, stieg die Zahl der gentrifizierenden Stadtteile so stark an wie nie zuvor. Städte versuchten mittels investitionsorientierten Strategien privates Investment anzuziehen, um im Wettbewerb mithalten zu können. Für diese zweite Welle, welche bis zum Ende der 1980er anhielt, ist charakteristisch, dass Gentrification in einen grösseren Kontext aus kulturellen und ökomischen Prozessen auf nationaler wie globaler Ebene eingebunden wurde.

Dritte Welle
: Rezessionsbedingt Pause und darauffolgende Expansion
Der Börsencrash von 1989 führte dazu, dass in einigen Quartieren die Gentrification ins Stocken geriet. Mit steigender Investitionsbereitschaft wendete der Trend 1993 wieder. Die dritte Welle ist in vier Punkten charakteristisch: 1) Gentrification weitet sich in den Innenstadtnahen Quartieren weiter aus, beschränkt sich aber nicht mehr nur auf diese Gebiete, sondern expandiert deutlich. 2) Restrukturierung und Globalisierung des Finanzsystems haben den Immobilenmarkt globalisiert und international tätige Investmentfirmen tragen nun von allem Anfang an eine wesentliche Rolle im Prozess, womit die Rolle der risikonehmenden Pioniere, zunehmend marginalisiert wird. 3) Der Widerstand gegen die Gentrification hat im Vergleich zur zweiten Phase drastisch abgenommen. 4) Der Staat selbst ist als aktiver Akteur zurückgekehrt. (Hackworth/Smith 2001:468)

Vierte Welle: massive Kapitalisierung des Immobilienmarktes und staatliche Förderung
Die globalen Geldflüsse in den Immobilienmarkt nahmen nach 2001 ein weiteres Mal deutlich zu und die kreditgebenden Banken begannen gerade in den USA selbst segregierend einzugreifen. Dies indem sie ethnischen Minderheiten Kredite für bestimmte Wohnlagen verweigerten und gleichzeitig eher Wohlhabende mit Kreditangeboten anwarben. Durch diese weitere Verschärfung und dem Eintritt eines weiteren Akteurs hat die Geographie von Deinvestition und Reinvestition eine deutlich komplexere und kleinräumigere Form angenommen. Hauptmerkmal der vierten Welle ist aber eine staatliche Politik, die in erster Linie die Interessen der wohlhabendsten Schichten vertritt und gleichzeitig die ausgleichenden sozialstaatlichen Instrumente der 1960er wegerodiert.

Auszug aus: Mullis, Daniel (2009): Gentrification und Neoliberalisierung: Die Berner Stadtplanung im Fokus. Eine kritische Analyse der Stadtplanungsdokumente am Beispiel des Lorrainequartiers, Bern, Forschungsberichte, Geographisches Institut der Universität Bern.

Fallbeispiel
Bieri, Sabin (2007): Wohltemperierte Stadt und unheimliche Geografien: Tatorte und Handlungsräume der Berner 80er Bewegung, Bern, S.295-314.
Sabin Bieri führt den Leser durch die 80er Jahre in Bern und analysiert mehrere Beispiele von Verräumlichungen sozialer Aushandlungsprozesse. Zentrale Idee der 80er Bewegung in Bern war das Konzept des „FreiRaums“. Solche Räume „sollten frei sein von althergebrachten hierarchischen Strukturen, von Ausbeutungs- und Repressionsverhältnissen, aber auch frei von vorgegebenen Ordnungsmustern ebenso wie von Normen, die die Gemeinschaft und die sexuellen Beziehungen regeln.“ Die Verwirklichung solcher FreiRäume ruft territoriale Konflikte hervor, welche aus den FreiRäumen „TatOrte“ werden lassen. Dies wird anhand drei FreiRäumen der Berner Bewegung gezeigt:

Anfangs der 80er Jahre führten repressive Politiken (Beizenverbote) zu einer Mobilisierung junger Erwachsener, die sich den bestehenden Institutionen und angebotenen Räumen nicht mehr zugehörig fühlten (Verknappung von Zugehörigkeit führt zu einer „unheimlichen Geographie“).

Somit entstand eine Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ) mit wöchentlichen Demonstrationen. Parallel entstand (durch Besetzung) an der Gutenbergstrasse das Frauenhaus als „Experimentierfeld für das sowohl politische als auch intime Zusammenleben und Arbeitsteilung“. 1985 entstand die Protest-Siedlung „Freies Land Zaffaraya“ an der Aare. Nachdem das Hüttendorf zwei Jahre existierte und die Solidarität der meisten BernerInnen genoss, erlangten die „Siedler von Zaffaraya“ schliesslich nach der Räumung der Siedlung eine Kompensierung: Die Reitschule wurde ihnen als Kultur- und Treffpunkt zugestanden. Diese Kooperative drohte an den Problemen um den Vorplatz, der als Drogendrehscheibe fungierte, zu scheitern bis dieser 1995 schliesslich polizeilich geräumt wurde. Schliesslich nimmt Bieri noch Bezug auf aktuelle Formen der Hausbesetzung als Ausdruck der Solidarisierung mit marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen.

Für die Analyse dieser „FreiRäume“ führt Sabin Bieri den Begriff „Heterotopie“ von Foucault ein. Dies sind „Orte, die die zu einer Zeit vorgegebenen Normen zum Teil nicht völlig durchgesetzt haben oder die nach eigenen Regeln funktionieren und somit die Möglichkeit der Reflexion und Problematisierung gegebener Normen ermöglichen und bisweilen widersprechen“ (www.wikipedia.de) Diese sind nach Bieri nicht Indikator für sozialen Wandel; vielmehr stützen sie, mit ihrer klaren Abgegrenztheit und Kennzeichnung als Ausnahmeräume, die Normalität. Im Fall der 80er Bewegung in Bern mit ihren räumlichen Errungenschaften bilden diese FreiRäume mittlerweile eine Art Pfand, das von der Politik im Falle städtischer Unruhen für Aushandlungsprozesse eingesetzt werden kann.

Thesen:
  • „Es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, ob die Errungenschaft des FreiRaums ausschliesslich über eine kämpferische Form entwickelt werden kann, und ob der Akt der Eroberung konstitutiv ist für den FreiRaum selbst. Braucht es die harten Fronten als Vorraussetzung nicht nur dafür, dass die Ziele der Bewegung herauskristallisieren und öffentlich werden, sondern auch für ihre Umsetzung? Und, falls dem so sein sollte- In welchem Kontext stehen die Forderungen, die die Jugendlichen an die Politik, an „das System“ richten? Waren es womöglich gar keine Forderungen, sondern war es eher der verbale Ausdruck eines Selbstverständnisses…?“ (Text Bieri, S.300)
  • Birgt die aktuelle Reitschule noch ein Versprechen von einem authentischen FreiRaum, einem „TatOrt“, oder ist sie bereits zu einem Pfand der Stadtverwaltung gezähmt worden? Ist sie schon vollkommen „offizialisiert“?
  • Gentrification ist in vielen Städten ein realer Prozess, auch in der Schweiz. In einigen Fällen wurzelt dieser Prozess auch hier in progressiven und emanzipatorischen Protestbewegungen. Gibt es also gute (freiraumschaffende, alternative) und schlechte (renditeorientierte, kapitalistische) Gentrifier?


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