Tutorium` Feministische Geographie(n)

Veranstaltung 7, 6. April 2009

Postscript: Reflections on the Dilemmas of Feminist Research
QUELLE: McDowell, Linda (1999): Gender, Identity and Place: Understanding Feminist Geographies, Cambridge, Cambridge Polity Press, S. 224-248.

McDowell nimmt in diesem Text einerseits eine rückblendende Perspektive auf die Praxis der feministischen Forschung ein und setzt den Fokus andererseits auf die Dilemmata, die aus dieser Praxis hervorgehen resp. hervorgegangen sind. Im akademischen Diskurs geniesst die feministische Forschung erst seit wenigen Jahren Akzeptanz. Musste sie sich zunächst, wie McDowell beschreibt, den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gefallen lassen, weil sie die Überzeugung eines qualitativen Zugangs an den Forschungsgegenstand, einem rein quantitativ ausgelegten, den Vorrang gab. Der dominierende wissenschaftliche Diskurs der 60er Jahre der überwiegend noch durch den Kanon eines kritischen Rationalismus und einer R.C. Schule geprägt war, hielt daran fest, dass objektives Wissen generiert werden musste und die Methoden der qualitativen Forschung diesem Anspruch nicht genügen konnten.

Der Feminismus (abgeleitet aus dem franz. féminisme, vom lat. Wortstamm femina = Frau) ist eine aus Liberalismus und Egalitarismus hergeleitete Weltanschauung, die sich in seiner ursprünglichen Form für die Rechte und Interessen von Frauen stark machte (www.wikipedia.org). Das Konzept zielte ursprünglichen darauf ab, eine verbesserte Lage der Frau und eine faktische Gleichstellung in allen Bereichen der Gesellschaft zu erlangen. Selbstbestimmung, Gewissensfreiheit, v.a. aber die Gleichberechtigung der Geschlechter galten als wichtigste Deklarationen des Feminismus. Wie McDowell aber betont, beschränkten sich die Forderungen nach einem Anderen, „differenten“ Denken nicht nur auf die unmittelbar öffentlichen und privaten Lebensräume, sondern gingen grundsätzlich dem Prädikat nach, Strukturen am Ursprung ihrer Entstehung und Wirkungskraft zu hinterfragen und umzugestalten. Fem. Theorie bekräftige mit diesem Argument, dass es nicht ausschliesslich eine Perspektive auf eine Problemstellung geben kann, sondern Verschiedene. Wissenschaftliche Herangehensweisen verstehen fem. TheoretikerInnen als Prozess innerhalb eines sozialen Gefüges, der immer von polyzentrischen Machtbeziehungen geprägt ist, deren sich auch die WissenschaftlerInnen nicht entziehen können, sondern in ihm stetig interagieren und in der Folge selber neue Synergien erzeugen. Die Schärfung eines anderen Forschungsbewusstseins war in der Folge eine Forderung, die sich auf den subtilen Raum der, im gesellschaftlichen Sinnesverständnis, „Wissensproduzenten“ richtete. Fokussierte der Feminismus zunächst auf die Geschlechterunterschiede, so hat sich der Untersuchungsrahmen im Zuge der an sie getragenen Kritik, selbst einer zu polarisierenden Weltanschauung zu unterliegen, geöffnet. Nicht zuletzt deswegen beschränken sich Untersuchungsgegenstände heute nicht mehr zwingend auf geschlechtliche Themen im Raum, sondern binden Fragen nach der Konstruktion von Identität, symbolischen Strukturen der Macht und Divisionen an sich.

Wie ist Konstruktion von Geschlecht gedacht?
Die sexuelle Differenz, im hegemonialen Verständnis von Gesellschaft gedacht, als stabile dichotome, zweipolige Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit (Mann/Frau) steht "im Dienste einer Festigung und Beibehaltung einer heterosexuellen Ordnung die sich über sprachliche Anwendungen immer wieder durch ihre Anwender reproduzieren lässt. Diese Ordnung suggeriert, dass neben ihr (Heterosexualität und damit Mann und Frau) keine andere Konzeption existieren kann, da sie sich ausserhalb der Norm und der als normal gedachten Welt bewegt. Sex und Gender werden als "Performativität" gefasst. Darunter versteht Butler jene sich "ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt." (Butler 1995, 22)
link_ikon Elisabeth Holzleithner: Sex in Queer Times: Körper, Praktiken & Identitäten

Zitat & These
„Like it or not, in our present culture, our activities are coded as “male“ and „female“ and will function as such within the prevailing system of „gender-power relations“

Denken und Handeln ausserhalb der Kategorien Mann und Frau ist gar nicht erst möglich und somit ändert auch ein Diskurs über Sinn und Zweck der Kategorien Mann und Frau nichts an der realen Praxis.


A Politics of Paradoxcial Space
QUELLE: Rose, Gillian (1993): Feminism and Geography: The Limits of Geographical Knowledge, Minnesota, University of Minnesota Press, S. 135-161.

Gillian Rose plädiert für eine feministische Geographie, welche sich als politisches Projekt versteht, das einen neuen Raum schafft, welcher vorherrschendes dichotomes Denken von ‘gleich’ und ‘anders’ (Same and Other) und somit Ein- und Ausschlussmechanismen, überwindet. Es soll Ziel sein, das polit-espistemologische (erkenntnistheoretische) Dilemma des gegenwärtigen feministischen Diskurses, nämlich, dass sich Frauen innerhalb des gegebenen hegemonialen Diskurses als Opfer verstehen mussten und müssen, abzulegen und zu lösen.

Hegemoniale Wissensstruktur:
  • Wissen als Territorium (representation and unrepresentability)
  • zweidimensionales Territorium des Wissens (the Other is part of the territory of the Same)
  • Wissenstruktur gibt Identitäten und Subjektivität im gegebenen Territorium vor, weil Identitäten Ansprüche auf Territorium darstellen (en-gendering, confinement by and into space, inscribed embodiment)
Kritik an dieser Wissensstruktur:
  • In Wissenstruktur inheränte analytische Starre
  • Identität als etwas viel- und mehrschichtiges (‘plurilocality’ of identity)
  • Notwendigkeit einer neuen Art der Subjektivität
Die Konstruktion eines solchen (neuen) Subjekts des Feminismus verkörpert demnach sowohl kritische Praxis als auch eine (neue) Art der Wissensproduktion, welche die Begrenztheit der Erklärungskraft vorherrschender Dualismen hinter sich lässt. Dieser neue Raum als politisches Ziel und Mittel dazu, ist nach Rose multi-dimensional, sich ständig wandelnd und demnach aufgrund der Offenheit in Bezug auf seine genauere Ausgestaltung zwar mit Ungewissheiten behaftet, jedoch im Sinne einer positiv bewerteten ‚radical openness’.

Durch emanzipatorische Anerkennung von Differenzen, möchte Rose per ‚paradoxical space’ eine neue Art der Geographie bieten, welche den Ausschluss des Alten ablehnt, mit der Forderung nach Anerkennung der instabilen, ungewissen, sich wandelnden und umstrittenen Basis der gegenwärtigen geographischen Wissensproduktion und Wissenskategorien.


Diskussionspunkte / Thesen

1. Identität und Wissen werden aus geographisch-feministischer Perspektive als etwas territoriales betrachtet. Inwiefern stimmen Sie dem zu? Inwiefern wird Identität selbst bestimmt und inwiefern wird sie fremdbestimmt?

2. Feministische Geographie und Feminismus generell setzen ihre erkenntnistheoretischen Schwerpunkt darin, zu untersuchen und zu dekonstruieren, wie hegemoniale Ideologie (und Macht) im persönlichen, subjektiven, im Körper, im symptomatischen, alltäglichen eingeschrieben ist und eingeschrieben wird. Inwiefern trifft das zu?


Mobilizing Women, Mobilizing Gender: is it mobilizing difference?

QUELLE: Staehli, Lynn A (2004): Mobilizing Women, Mobilizing Gender: is it mobilizing difference? In Gender, Place and Culture, Vol. 11, Nr.3, 2004, S. 347-372.

Dieser Text analysiert den „political activism“ von Frauen in den USA. Staehli möchte damit untersuchen, in welchem Ausmass die Mobilisierung von Frauen, zu einer Mobilisierung von Differenzdenken im Sinne einer toleranteren und offeneren Weise, Individuen in Bezug auf ihre Identität, aber auch in Bezug auf ihre Interaktionsräume zu betrachten, geführt hat.

Staehli argumentiert, dass in den für ihre Studie verwendeten Regionalbeispielen überwiegend die politischen Strukturen, Institutionen und Organisationen immer noch einen Einfluss ausüben, wenn es darum geht, wie Frauen ihre politische Teilhabe zum Ausdruck bringen können. Staehli unterstellt den bestehenden Strukturen eine exklusive/exkludierende bzw. einschränkende Systemlogik, die (noch immer) Verständnisse darüber, was eine Frau oder ein Mann ist oder sein soll, reproduziert.

Ausgangspunkt für Staehlis Untersuchung sind die Wahlen in den USA 2002. Im Zuge dieser, konnte beobachtet werden, dass mehr Frauen den je für ein politisches Amt postulierten und dass sich, parallel dazu, auch mehr weibliches Stimmvolk Wahlprozess beteiligte. Dies gab Anlass zur Frage, ob der Einfluss feministischen Engagements mit ihrem Verlangen nach einem Differenten Denken, in den aktuellen Geschehnissen überhaupt Ausdruck fand. Wider Erwarten führte die Wahl von mehr Frauen aber nicht zu einem politischen Umschwenken/Umdenken bzw. Einführen einer andern Geschlechter- Differenzpolitik und Ideologie, die eine alte Rollenverteilungen wirklich aufzubrechen vermochte.

Eine Antwort nach dem warum, liefert Staehli per empirische Untersuchung. Dabei stellt sie fest, dass sich Frauen zwar aufgrund ihres Erfahrungswertes und den noch immer vorherrschenden gesellschaftlichen Rollenvorstellungen (damit gemeint ist, dass Frauen immer noch stereotypisch, zunächst in ihrer „biologisch“ bedingten Rolle als Mutter zu Hause bzw. „naturverbundenen“ bzw. „wesensbedingten“ Art die definiert wie „rein“, „fein“, „affektiv“, und „ruhig“ weiblich-sein gesehen werden) motiviert sehen, für mehr Differenz und Akzeptanz einzustehen und für die Stärkung des ‚Anderen’, auch Minderheiten, zu plädieren. Gleichzeitig kann Staehli aber zeigen, dass sich ein Differenzverhalten nicht in der Praxis auszudrücken vermag. Frauen sind zwar, im Unterschied zu früheren Jahren, in Vereinen/Institutionen aktiv engagiert, diese unterliegen jedoch weiterhin traditionellen Rollenkonventionen, wo Frauen eher in wohltätigen Organisationen, Schulorganisationen und gemeinnützigen Organisationen tätig sind währenddem Männer im Gegensatz dazu, in gewerkschaftlichen und professionellen, meist öffentlichen Institutionen anzufinden sind und dadurch einen andern repräsentativeren Status geniessen, der ihnen erlaubt, Interessen anders in die Öffentlichkeit zu tragen. Staehli zeigt durch ihre Untersuchung, dass die feministische Bewegung zwar einerseits ein Umdenken in den Köpfen der Gesellschaft gefördert hat und wertet die Wahlen auch als Teilerfolg feministischer Bewegungen. Andererseits, so zeigt ihre Studie, sorgen v.a. bestehende strukturelle/institutionelle Ordnungen, in welchen Akteure nach bestimmten Verhaltensweisen zu handeln gezwungen sind, nach wie vor dafür, dass ein Aufbrechen von traditionellen Rollenkonventionen unter den Geschlechtern nur eine bedingte Umsetzung geniesst, und dass durch diese Ordnungen nach wie vor eine sowohl dichotome wie auch hierarchische Aufteilung in das, was als Räume für Frauen oder Männer gelten, stattfindet.

Diskussionsfragen

1. Wie wertet ihr diese jüngere Theorie Strömung? Seht ihr den jungen Feminismus als eine neue Möglichkeit Raum anders zu denken? Weshalb JA/NEIN? Was stört euch daran?

2. Wie seht ihr die Position der Männer bzw. Frauen heute? Drehen sich Verhältnisse um werden aus einstigen „Tätern“ „Opfer“?

Protokoll

Zuerst wurde erklärt dass im englischen „politics“ nicht gleich „Politik“ auf deutsch ist. Der deutsche Begriff „Politik“ wird im englischen in 3 Dimensionen aufgeteilt:

„polity“ (=Form)
„policy“ (=Inhalt)
„politics“ (=Prozess)

Im ersten Teil der Doppelstunde wurden die 3 Texte zusammengefasst (siehe Handout). Anschliessend folgten einige Fragen zum Verständnis der Texte. Auf den Begriff „en-gendering“ wurde nochmals eingegangen. (Jede Person wird aufgrund ihres Geschlechts kategorisiert, ob sie das will oder nicht. Unterschiedlichen Rechtsgrundlagen für Mann und Frau wiederspiegeln dies.)

Ebenfalls wurde darauf aufmerksam gemacht, dass L. McDowell und G. Rose sich vom Seperatismus distanzieren. Ihre Meinung nach sollte man die Differenzen zwischen Mann und Frau anerkennen, diese dann aber bei Seite lassen.

Die Diskussion begann damit, weshalb der Feminismus ein schwieriges Thema ist und nicht immer auf viel Begeisterung stösst. Folgende Meinungen wurden hervorgebracht:
  • Durch das ständige Auseinandersetzen mit Unterschieden zwischen Mann und Frau gräbt man die Kluft zwischen ihnen noch tiefer.
  • Als Mann ist es schwierig zum Thema Feminismus Stellung zu nehmen bzw. mitzureden.
  • Patriarchalische Machtverhältnisse bestehen, und diese müsse man auch dekonstruieren. Aber ob die „zerredung“, wie es in diesen Texten passiert, die richtige Lösung dazu ist, ist fragwürdig.
  • Es wurde hinterfragt, ob überhaupt alle Frauen einen Rollenwechsel wollen.
    Männern müssten beim Feministischen Prozess auch miteinbezogen werden.
Weiterhin wurde Dichotomie diskutiert mit dem Schluss, dass das Dichotomie Verhältnis zwischen Mann und Frau gleich ist wie das Dichotomie Verhältnis zwischen weisser und dunkler Hautfarbe.

Das Kategorisieren wurde ebenfalls aufgegriffen: Naturwissenschaften müssen kategorisieren, während Sozialwissenschaften diese dekonstruieren. Aber wie weit sollte man dekonstruieren? Denn ohne Kategorien gibt es nur Einzelpersonen, welche für die Wissenschaft uninteressant bzw. unbedeutend sind.
Auf dieses Argument folgte die Frage, ob es denn in der Sozialwissenschaft nicht darum geht, im ersten Schritt zu dekonstruieren, im zweiten dann zu (re)konstruieren.
Die beiden Autoren sagen, dass Denken prozesshaft sein soll und immer neu überarbeitet werden muss.
Die Gruppe kam zum Schluss, dass Dekonstruieren ein Sinn bzw. ein Ziel vor Augen haben muss. Ansonsten ist das Dekonstruieren belanglos.

Der Feminismus wurde dafür gelobt, dass er die Türe zur kritischen Analyse öffnete.

Ein weiteres Thema wurde aufgrund der komplizierte Schreibstile der Autoren in die Runde gestellt: Wie wichtig ist die Sensibilität der Sprache? Denn umso genauer man schreibt, desto fixierter ist der Leser/In auf die verwendete Begriffe. Weiterhin wird mit einer höheren Genauigkeit (in einem Text) einen grösseren Wortschatz vorausgesetzt. Je genauer ein Text formuliert ist (was allgemein in der Wissenschaft angestrebt wird), umso mehr Leser (mit geringerem Wortschatz) sind vom Text ausgeschlossen. Alle Anwesenden hatten sich geeinigt, dass wissenschaftlicher Texte möglichst präzise formulieren aber in einer einfachen Sprache schreiben sollten.

Eine weiter Diskussionspunkt war die Verknüpfung von Feminismus zum Raum. Der Bezug zum Raum ist überflüssig, so lautete der Protest, da das Machtverhältnis ein gesellschaftliches Problem ist, kein räumliches. Das Gegenargument lautete: Gesellschaftliche Strukturen befestigen sich im Raum.

Die in den Texten plädierte „radical openness“ wurde hinterfragt. Diese Aufforderung sei Utopisch da neue Informationen nur in den bekannten Kategorien zugeordnet werden können. Wie soll man offen sein für etwas Neues, wenn man nicht weis was es ist? Daraus entstand die Frage, ob es grundsätzlich möglich ist neues zu erkennen.

Abschliessend wurde bemerkt, dass die einfache Gleichstellung von Mann und Frau nicht funktionieren kann, da Frauen im patriarchalisch aufgebauten System „integriert“ werden würden. Man müsse zuerst das jetzige, von Männern aufgebaute System ändern.


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