Agrarkrise, Mehr Grossgrundbesitzer

Marianne Truttmann, Der Bund, 23. März 2008.

Schwindende Anbauflächen und eine steigende Nachfrage nach Lebensmitteln deuten darauf hin, dass sich die Ernährungskrise vom letzten Jahr wiederholen könnte, so die Befürchtung von Teilnehmern einer Konferenz zur Zukunft der Landwirtschaft.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die im letzten Jahr akute Lebensmittelkrise aus den Schlagzeilen verdrängt. Aber die Ernährungskrise habe mehr Menschen direkt betroffen als die Finanzkrise. Und sie sei ein Vorbote für künftige Krisen, sagte Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman letzte Woche in Brüssel an einer vom Schweizer Agrokonzern Syngenta mitorganisierten Konferenz über die Zukunft der Landwirtschaft. Auch wenn die Preise für Agrarprodukte in den letzten Monaten gegenüber den Höchstpreisen im letzten Jahr deutlich gefallen sind, liegen sie immer noch über dem langfristigen Trend.

Steigende Kalorien-Nachfrage
Ungelöst bleibt das Hungerproblem. Laut der Welternährungsorganisation FAO wird die Zahl der unterernährten Menschen in diesem Jahr bis auf eine Milliarde steigen. Die Nachfrage nach Landwirtschaftsprodukten wird wegen der weiter steigenden Weltbevölkerung und der vermehrten Nachfrage nach protein- und kalorienreicher Nahrung anhalten. Gleichzeitig steht die Produktionskapazität der Landwirtschaft wegen fehlender Anbauflächen, Wassermangels, Bodenerosion sowie weiterer Umweltgefahren enorm unter Druck.

Russland könnte helfen
Zur Linderung beitragen könnten Russland sowie Kasachstan, darüber sind sich Marc van Strydonck von der Osteuropabank und Mikhail Orlov, Gründer des russischen Unternehmens Black Earth Farming, einig. Laut Strydonck verfügen Russland und Kasachstan über 16 Prozent der weltweiten Agrarflächen, tragen aber nur 6 Prozent zur weltweiten Agrarproduktion bei. Wegen der sehr fruchtbaren Böden und des günstigen Klimas stellen die vielfach verlassenen Landflächen ein ungenutztes Potenzial dar.

Die nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Kolchosen entstandene Gelegenheit hat Black-Earth-Farming-Gründer Orlov bereits entdeckt. In der Tradition seiner Grosseltern, die Grossgrundbesitzer waren, hat der in Lausanne aufgewachsene Russe vom Finanzsektor in die Landwirtschaft gewechselt. Via eine an der schwedischen Börse kotierte Gesellschaft hat er mittlerweile mehrere Hunderttausend Hektaren Land aufgekauft.

Orlov setzt auf Privatinitiative und hält nichts von Bürokraten und staatlicher Planwirtschaft. «Es ist nicht so bequem, in Russland und in Kasachstan Farmen aufzubauen, wie an einer Konferenz in Südfrankreich über Zuckerrüben zu debattieren», erklärte Orlov in der stilvollen Bibliothek Solvay in Brüssel, wo die Konferenz vergangene Woche stattfand. Die hohen Preise für Agrarprodukte haben weitere ausländische Firmen und russische Magnaten veranlasst, in Landwirtschaftsland zu investieren, nicht zuletzt, weil sie dies in der Finanzkrise als sicherer erachten. Russland ist heute bei den Agrarprodukten zu weit über 50 Prozent vom Import abhängig.

Gefahr des Neokolonialismus
Osteuropabank-Vertreter van Strydonck sowie der Direktor der Welternährungsorganisation, Alexander Harris, beobachten den neuen Trend zum Grossgrundbesitz, der sich auch in Entwicklungsländern zeigt, mit gemischten Gefühlen. Bei vielen insbesondere ausländischen Investitionen bestünden hohe Risiken und es drohe die Gefahr des Neokolonialismus, warnte van Strydonck.

Markt und Deregulierung hätten ihre Magie in der Finanzwelt verloren, das gelte auch für die Landwirtschaft, meint der frühere EU-Agrarkommisssar Franz Fischler (siehe Interview rechts). Um den Lebensmittelmangel nicht zu verschärfen, müssten sowohl in der EU als auch weltweit gewisse Agrarsubventionen beibehalten werden, forderte Fischler. Für Syngenta-Chef John Atkin ist es vordringlich, dass die Bauern Zugang haben zu allen innovativen Technologien und landwirtschaftlichen Praktiken, um Ertrag und Qualität der Produktion zu steigern und die natürlichen Ressourcen optimal einzusetzen. Dass Atkin auch die Gentechnologie als eine der innovativen Technologien betrachtet, versteht sich von selbst.

Währungsfonds für Lebensmittel

Kontrovers diskutiert wurde an der Konferenz die Rolle, welche die Spekulation bei den Lebensmittelpreisen spielt. Laut Welternährungsorganisations-Direktor Harris hat die Erfahrung von 2008 gezeigt, dass bei der von vielen Faktoren beeinflussten weltweiten Ernährungslage jeder kleine Schock riesige Auswirkungen haben kann. Er forderte eine Art Internationalen Währungsfonds für Lebensmittel, das heisst eine Organisation, die wie der Währungsfonds als «lender of last resort» («Kreditgeber der letzten Zuflucht») bei Krisen mit Reserven einspringen kann. Ein knappes Lebensmittelangebot, das durch die vom Klimawandel verursachten Umweltprobleme verschärft wird, führe zu riesigen humanitären Krisen, sagt Harris voraus. Falls die internationale Gemeinschaft nichts tue, käme es zu riesigen Wanderbewegungen und einer sehr explosiven Lage.


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