Tutorium` Neuere kritische Geographie

Veranstaltung 2, 2. März 2009

„What kind of geography in what kind of public policy?“ Harvey, David (1974)

Biografie

Harvey wurde 1935 in Gillingham GB geboren. Heute ist er einer der führenden Verfechter neomarxistischer Gedanken in der Humangeographie.

These
Die Gesellschaft, und auch die Geographie, stehen unter dem Einfluss des „corporate state“, es wird alles versucht um diesen zu erhalten.

ABSTRACT
Anhand der Diktatur von Pinochet in Chile beschreibt Harvey wie Machthabende den Raum und das soziale Leben manipulieren können und somit „Geographie machen“ (Harvey 1974: 27f.). Dies geschieht ohne dass sich die Bevölkerung dessen bewusst ist. Politisches System und die Art wie Geographie gemacht und vor allem auch wahrgenommen wird stehen deshalb in engem Zusammenhang. Die Entwicklung der Geographie ist gemäss Harvey auch anhand der jeweiligen Politik, und anhand der „social necessity“, den Bedürfnissen der Gesellschaft, der jeweiligen Epoche nachzuvollziehen. Im imperialistischen Zeitalter, war die Nachfrage nach einer akademischen Geographie nicht vorhanden und die Geographie diente primär der strategischen Politik. Mit der Geburt des Korporatismus und der Erstarkung des Neoliberalismus, wurde Bildung als „investment in manpower“ betrachtet und somit konnte die Geographie als Wissenschaft entstehen (ebd.: 32). Dabei hatte sie jedoch einige Probleme, denn wie wir wissen gibt es eine Geographie als solche nicht. Die Geographie brauchte eine Nische, diese musste durch einen Konsens gefunden werden, dadurch entwickelte sie sich in eine Art Mini-Corporate State (ebd.: 33). Da der Korporatismus laut Harvey viele Gefahren in sich birgt, verlangt Harvey neue Ansätze:“(...) this menality is on clear collision course whit our sense of moral obligation“ (ebd.: 33). Diese Ansätze liegen möglicherweise im Humanismus, jedoch in einer neuen Form. Als Geografen und Geografinnen hätten wir die Möglichkeit, „(to) attempt to subvert the ethos of the corporate state from within.“(ebd.: 37). Aus der moralischen Verpflichtung wird eine soziale Notwendigkeit.

Gegenthese
Obwohl, oder gerade weil wir als Geografen und Geografinnen Einblick in die Machtstrukturen der Welt und des „corporate state“ haben, können wir die sozialen Bedürfnisse, nicht verändern und somit auch den „corporate state“, die Welt, nicht.


„La Géographie ça sert d`abord à faire la guerre“ Lacoste, Yves (1976)

Biografie
1929 geb., Studium in Geografie, doziert seit 1968 an der Université de Paris VIII. Begründer des Institut français de géopolitique in Paris und 1976 der Revue de géographie et géopolitique „Hérodote“.

These
Geografie bietet Werkzeuge an, die Transparenz in einer inter-, trans- bzw. globalen vielgestaltigen Politiklandschaft schaffen und dabei Interessen und Akteure orten und benennen. Alle Menschen sollten ermächtigt sein Geschehen im Raum zu lesen und mitzugestalten.

ABSTRACT
Mit seinem provokativen Titel, lieferte der inzwischen emeritierte Prof. für Géopolitique der Université de Paris VIII, 1976 neuen Anstoss und eine explizite Aufforderung zur kritischen und reflexiven Haltung mit der aktuellen Geografie. Yves Lacoste (1976) erläutert in seinem Text den Werdegang der Geografie und ihrer Aufgaben ausgehend vom 19.Jh. bis in die Aktualität. Dabei legt er den Fokus v.a. auf die politische Ebene die er wie topografische Karten, auch als kartografische Abbildung verstehen möchte, die es zu entziffern und verstehen gilt (ebd. 8f.). Im Zentrum seiner Argumentation geht er auf die Wirkkraft von Wissen ein, die erst in Verbindung mit der Geografie, einzelne Akteure dazu befähig(t)en aktive Geopolitik(en) zu betreiben (Bsp. Ratzel, Mackinder, Vietnam, Chile). Lacoste kritisiert in der Folge die Ignoranz, Kurzsichtigkeit, und den tief gehaltenen Verantwortungssinn der geografischen Disziplin, die zu lange Gegenwartspolitiken bemächtigte und nicht ihr praktisch angelegtes Können und Wissen im Dienste aller Menschen stellte. Ein allzu langes festhalten an ungeeigneten Raumkonzepten führten zu einer Statik der Forschungsprozesse („la région“ von Vidal de la Blache (ebd. 49ff)). Raum, sowohl politischer wie individueller, sei anders zu denken, nämlich mehrskalig, heterogen, dynamisch und äusserst variabel. Raum - Zeitrelationen haben nach Lacoste eine neue Dimension erreicht, vor derer Hintergrund politische Machtformen sich anders gestalteten. Das private, persönliche, öffentliche, lokale, regionale, nationale und internationale sei alles in den zu betrachtenden Fokus mit einzuberechnen, um Dependenzen, Machtverteilungen und allgemeine Beziehungsgefüge aufzudecken (ebd. 64ff). Daher spricht sich Lacoste klar „pour une géografie de la crise“ aus, die kritisch hinterfragen soll (ebd.: 127ff).

Lacostes „La géographie ça sert d`abord a faire la guerre“ stellt kurzgefasst zwei Seiten der Disziplin in den Raum. Einserseits warnt er vor der zweckmässigen strategischen Instrumentalisierbarkeit von (geografischen) Wissen, die einzelne Akteure überaus bemächtigen (vgl. 9ff). Andereseits stellt er aber auch fest, dass Geografie als Möglichkeit der Ermächtigung der „Unterdrückten“ gesehen werden sollte und durch das Aufdecken von Unebenheiten neue Chancen der Gegenwehr bieten (ebd.:186f.). Dafür hält er es aber für wichtig „savoir penser l`espace pour savoir s`y organiser, pour savoir y combatrre“ und damit ist für Lacoste eine Bewusstwerdung von sensiblen Raumbeziehungen und -gefüge nötig. Dies beginnt für ihn aber nicht erst auf universitärer Ebene, sondern wurzelt schon in den Schulzimmern. Denn nur so würden alle Menschen im selben Masse dazu befähigt, Raum zu denken und in der Folge auch zu gestalten (ebd.: 163f).

Gegenthese

Geografie als Disziplin des „empowering“ ist eine narzistische Ideologie.


“ The Development of Radical Geography in the US“ Peet, Richard (1977)

Biografie
Wirtschaftsstudium; Prof. der Geographie an der graduate School of Geography an der Clark University USA, Forschungsschwerpunkt Sozial- und Wirtschaftsgeographie.

These
Die kritische Geographie musste sich über die liberale Geo, zur marxistischen entwickeln um nun fähig zu sein sich auf kreative Weise einen eigenen philosophischen Hintergrund zu schaffen (vgl. ebd.: 25).

ABSTRACT
Der Artikel befasst sich primär mit der Entwicklung der radikalen Geographie, vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der 60er/70er Jahre. Peet geht davon aus, dass die sozialen Wissenschaften immer einen Einfluss auf das politische System haben. Meistens unterstützten sie so die bestehenden Machtstrukturen. Die radikale Geographie möchte diese Machtstrukturen aufdecken und ein neues (nicht kapitalistisches) System fördern. Weiter nimmt er an, dass Menschen durch direkte Erfahrungen, oder Krisen in ihrer Kontemplationsfähigkeit gefördert werden, und eine Radikalisierung in solchen Momenten schneller verläuft als sie es sonst tun würde. So ist es in den 60ern auch mit der Geographie passiert. Die zentralen Geschehnisse waren der Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung in den USA. (ebd.:7) Auch der in dieser Zeit stattfindende Paradigmenwechsel von der beschreibenden hin zur quantitativen Geographie, spielte eine Rolle, er verhalf der Geographie jedoch noch nicht zu einer eigenen Philosophie. Denn „geography more relevant to social issues but still tied to a philosophy of science (...) whithin the existing framework of power relationhip“ (ebd.: 12). Peet verlangt, dass die Geographie nicht in der Wissenschaft verharrt, sondern auch Politik macht und sich gegen die bestehenden Strukturen auflehnt. Die radikale Geographie kritisiert an der neuen liberalen Geographie, dass sie zwar einige marxistische Ansätze, jedoch nicht den philosophischen Hintergrund übernimmt. So ist auch zu erklären, dass er die radikale Geographie gleichsetzt mit der marxistischen. Die marxistische Geographie kennzeichnet, „ (...) the interrelationship between social processes on the one hand and natural environment and spatial relations on the other hand“ (ebd.: 21). Räumliche Prozesse, sind demnach eigentlich soziale Prozesse, deren räumliche Relevanz so gross geworden ist, dass sie den Raum prägen (ebd.: 22). Neben dem Marxismus spielt auch der Anarchismus eine wichtige Rolle bei der Entstehung der „radical Geography“, deshalb werden auch Vordenker wie Kropotkin in den Diskurs miteinbezogen.

Auch wenn die radikale Geographie, durch eine Phase des Liberalismus und danach des Marxismus gegangen ist, so braucht es dennoch eine weitere Revolution, um diese Gedanken auch an die Öffentlichkeit zu bringen, wo sie noch auf grosse Skepsis stossen. Die Grenzen des Kapitalismus, sind die Chancen des radikalen Gedankengutes. Diese Geographie, braucht einen festen theoretischen Hintergrund, wie den Marxismus, muss jedoch durch Dialektik immer neu interpretiert und auf die Aktualität angepasst werden (ebd.: 27f).

Gegenthese
Wissenschaftlichkeit und Politik sind nicht zu vereinbaren, deshalb braucht die Geographie einen „richtigen“ wissenschaftstheoretischen Hintergrund und keine Ideologie wie der Marxismus.

Diskussionspunkte
Wir möchten die Diskussion entlang der aufgeführten Thesen und Gegenthesen gestalten. Wir bitten euch daher einen kurzen Blick darauf zu werfen.

Quellen
Harvey, David (1974): What kind of geography for what kind of public policy? In: David Harvey (2001): Spaces of Capital. Towards a Critical Geography, Edinburgh, Edinburgh University Press, S. 27-37.
Lacoste, Yves (1976): La Géographie ça sert d`abord à faire la guerre, Paris, Librairie François Maspéro.
Peet, Richard (1977): Development of Radical Geography, In: Peet, Richard (1977): Radical Geography. Alternative viewpoints on contemporary social issues, Chicago, Maaroufa Press, S. 6-30.

Weiterführende Links
link_ikon Institut Français de Géopolitique
link_ikon HERODOTE -Revue de géographie et géopolitique
link_ikon Richard Peet


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