Marx lesen

mr, 17.2.09

Über Marx gequatscht wird ja doch noch hin und wieder, ernsthaft gelesen wird er dagegen kaum. Auch wenn Der Blick kürzlich zu berichten wusste, dass "Das Kapital" seit der Finanzkrise weg gehe „wie warme Weggli“, kann die Marxlektüre im Moment trotzdem nicht gerade als Massenphänomen bezeichnet werden. Anders als in der Folgezeit von 68 wird sein Hauptwerk heute kaum noch an Unis gelehrt, geschweige denn in selbständigen Lesezirkeln oder Diskussionsgruppen erarbeitet. Für diejenigen, die sich trotz allem zu solch unpopulären Betätigungen hinreissen lassen wollen, bleibt also oft nur der schnöde Alleingang. Deshalb hier ein paar Hinweise wie’s mit dem guten alten Karl doch noch klappen könnte.

Nun zunächst muss einmal das Original her: Empfehlenswert ist die Ausgabe vom Dietz-Verlag in Berlin (die berüchtigten Blauen Bände). Die Seitenangaben der weiter unten aufgeführten Sekundärliteratur beziehen sich nämlich gewöhnlich auf diese Ausgabe.

Liegt der Brocken einmal auf dem Tisch, gilt es einige Schwierigkeiten zu knacken. Ersteinmal braucht die Marxlektüre Zeit. Und die ist durch bologna-gestraffte Studienpläne und gekürzte Stipendien selbst für Studis zur knappen Ressource geworden. Allein Band 1 umfasst 800 Seiten, das Lesetempo ist gemeinhin etwas dezenter als bei einer Micky Maus-Lektüre und dann wären da ja auch noch die Bände zwei und drei....
Daneben bietet auch die Sprache einige Tücken. Marx argumentiert vor dem philosophischen Wissen des 19. Jh., welches heute nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann und benutzt Begriffe, die kaum mehr verwendet werden oder im aktuellen Alltagsverständnis mittlerweile anders besetzt sind.
Und schliesslich gibt es da noch eine letzte grosse Hürde: Der Anfang ist knifflig! Die ersten Kapitel gelten als die schwierigsten überhaupt, sind aber zentral für das Verständnis der darauf aufbauenden Argumentation. Zahllose Versuche das Kapital zu kapieren, sollen daran bereits gescheitert sein...

Um weitere Misserfolge zu verhindern, gibt es mittlerweile zahlreiche Hilfestellungen in verschiedenster Form, die auf unterschiedliche Art versuchen, den Leseaufwand in Grenzen zu halten und/oder zu einem besseren Verständnis des Kapitals beizutragen. Abschliessend eine kleine Auswahl:
    Berger, Michael (2004): Karl Marx: „Das Kapital“
    Knappe Erläuterungen zu allen drei Bänden. Ausgewählte Textstellen werden zitiert und im Anschluss kurz kommentiert.

    Haug, Wolfgang (2005): Vorlesungen zur Einführung ins Kapital
    Philosophische Erörterungen von Begriffen, Konzepten und der Marxschen Analysemethode zur Erleichterung der Kapital-Lektüre.

    Heinrich, Michael (2008): Wie das Marxsche Kapital lesen?
    Sehr ausführliche und klare Kommentierung der vertrackten ersten beiden Kapitel und Hinweise zur weiteren Lektüre.

    link_ikonKapital.doc
    Grafische Aufbereitung der Zusammenhänge als Schaubilder sowie Kommentare zu den einzelnen Kapiteln von Elmar Altvater.

    link_ikonReading Marx’s Capital
    David Harvey ist wohl der bedeutendste marxistische Geograph und lehrt seit 40 Jahren "Das Kapital". Fleissige Blog-LeserInnen wissen es bereits: Die Vorlesungen gibts online als Video.

    link_ikondas-kapital-lesen.de
    Interessantes Blog rund ums Thema Kapital.


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