Bericht zur 6. International Conference of Critical Geography (ICCG)

Joscha Metzger (Freiburg), Michael Mießner (Frankfurt/M.) Raumnachrichten.de



„Revolution ist weder der eine Bruch, noch ein reines step-by-step der alltäglichen Praxen und Diskurse. Sie ist der kontinuierliche Kampf innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse im Zusammenhang mit dem Moment – der revolutionären Situation – auf den man sich zwar vorbereiten, der aber nicht bewusst initiiert werden kann"
(geäußert von einem Referenten auf der Session „Spanish Revolution – Mediterranean Revolutions?").


Auch wenn emanzipatorische Veränderungen der Gesellschaft – zumindest im deutschsprachigen Raum – sich gegenwärtig nicht oder nur verhalten ankündigen, erfordern die gesellschaftlichen Verhältnisse eine kritische Auseinandersetzung mit dem 'Hier und Jetzt' und die Vorbereitung auf Veränderungen.

Dem neoliberalen Mainstream der Gegenwart, der sowohl die öffentlichen Diskurse als auch die (materielle) Politik bestimmt, muss von einer kritischen Wissenschaft mit konkreten Analysen und Konzepten für eine gesellschaftliche Emanzipation begegnet werden. Eine Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion von Fragen im Spannungsfeld von akademischer Analyse und Ansätzen zur praktischen gesellschaftlichen Veränderung im internationalen Maßstab bietet die International Conference of Critical Geography (ICCG). Nach vorhergehenden Auflagen in Vancouver (1997), Taegu (2000), Békéscsaba (2002), Mexico City (2005) und Mumbai (2007), fand die Konferenz in diesem Jahr vom 16.-20. August 2011 mit ca. 450 Teilnehmer_innen aus 30 Ländern erstmalig im deutschsprachigen Raum statt.

Kritische Geographie: Theorie, Empirie, politischer Aktivismus
Zentrale Elemente der Kritischen Geographie stellen (Gesellschafts-) Theorie, empirische Analysen und politischer Aktivismus in kritischer Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Konflikten und Widersprüchen dar. Dabei geht es darum, auch jenseits des akademischen Elfenbeinturms theoretisch fundierte Analysen zu relevanten gesellschaftlichen Problemen zu geben und diese politischen Bewegungen für ihre Arbeit zugänglich und nutzbar zu machen. So müsse, wie Alex Demirovic in der Keynote-Lecture zur Aktualität Kritischer Theorie ausführte, diese sich permanent selbst hinterfragen und die Theorieproduktion immer vor der Folie der sich verändernden gesellschaftlichen Entwicklungen überprüfen. Nur so könne sie ihre gesellschaftliche Relevanz entfalten.

In diesem Sinne trug diese ICCG auch den Titel „Crises – Causes, Dimensions & Reactions". Damit wurde bereits seit Beginn der Planungsphase der ICCG vor über einem Jahr auf die permanente Aktualität der mit der Krise zu Tage getretenen gesellschaftlichen Widersprüche verwiesen. Diese Diagnose wird durch die aktuelle Diskussion um die staatliche Schuldenkrise in Europa und die Entwicklungen am Aktienmarkt bestätigt. Die Krise ist aber nicht nur eine ökonomische Krise, sondern sie hat verschiedene Dimensionen: Sie ist auch eine ökologische Krise, eine Krise der Reproduktion, eine Krise der Subjektivitäten und Subjektbildungen, eine Krise der Mobilität und des Urbanen aber auch eine Krise des Politischen und des Staates. Um Analysen und Diskussionen dieser unterschiedlichen Facetten zu ermöglichen wurden bei der ICCG zehn Themes gebildet, in denen der Fokus auf je eine der Dimensionen gelegt wurde.

So wurden bspw. im Theme „Ecological crisis" ausgehend von der Einsicht, dass die ökologische Krise sozial hergestellt ist, drei Schwerpunkte herauskristallisiert. Erstens konnte bzgl. der räumlichen Dimension festgestellt werden, dass Umweltkonflikte hauptsächlich auf der lokalen Maßstabsebene angesiedelt, dabei aber immer nationale und internationale Akteure einbezogen sind. Zweitens wurde die Frage nach Macht und Wissen diskutiert. Zentral war hier die Einschätzung, dass die Transformation von Natur eng verknüpft ist mit der Transformation von Machtbeziehungen und dass bestehendes hegemoniales Wissen die Möglichkeiten zur Bearbeitung von und Anpassung an ökologische Veränderungen behindert. Drittens wurden die Konsequenzen aus diesen Feststellungen für eine kritische Geographie diskutiert: Diese sollte ökologische Fragen stärker mit dem Thema der Nord-Süd-Disparitäten verknüpfen, um so auch einen kritischen Blick auf eigene – zumeist westliche – Konzepte zu ermöglichen. Weiterhin sollte sie Bottom Up-Ansätze, die auf Gemeinschaftlichkeit gründen, unterstützen und Kampagnen, die die Frage nach ökologischer Gerechtigkeit stellen, (mit-)initiieren.

Wem gehört die Stadt?
Neben den größtenteils eher klassisch akademisch organisierten Themes gab es auch Zeit und Raum für den weniger formalisierten Austausch über aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen. So fand bspw. eine Podiumsdiskussion zum Thema „Recht auf die Stadt" mit den Aktivist_innen des Frankfurter Netzwerkes „Wem gehört die Stadt?" statt.

Dabei wurde über die Idee von Right to the City diskutiert und das Hamburger „Recht auf Stadt"-Bündnis unter der Perspektive vorgestellt, welche Handlungsansätze auf Frankfurt übertragbar sein könnten. In diesem Zusammenhang stand auch die Verabschiedung der Resolution „Campus Bockenheim soll ein Ort für alle bleiben", in der die umstrittene Nachnutzung des von der Goethe Universität sukzessive aufgegebenen Geländes thematisiert wird. Sie wurde in der Eröffnungssitzung vorgestellt und schließlich auf der Abschlusssitzung von den Tagungsteilnehmer_innen verabschiedet. Damit sollte auch aus wissenschaftlicher Sicht der politischen Forderung nach kultureller und sozialer Vielfalt für einen inkludierenden Stadtteil Nachdruck verliehen und auf die Gefahr der Gentrifizierung in Bockheim hingewiesen werden. Weitere, an aktuellen Situationen orientierte Veranstaltungen waren die Round-Tables zu „Mediterranean Movements and the Europeanization of Migration Policy Between 'Autonomy of Migration' and 'Fortress Europe'" und „Spanish Revolution – Mediterranean Revolutions? – Emancipatory Struggles and Enactments of Resistance".

Grundlage der Diskussion waren in beiden Fällen Berichte von Aktivist_innen verschiedener sozialer Bewegungen in den Mittelmeerländern und Einschätzungen zu den teilweise revolutionären Auswirkungen der Proteste in Nordafrika. In diesem Zusammenhang wurde einerseits über Ursachen und Auswirkungen der Proteste in den einzelnen Ländern diskutiert, andererseits auch über das grundsätzliche Verhältnis von Revolte, Revolution und sozialem/politischem Wandel. Insbesondere die veränderten politischen Bedingungen in nordafrikanischen Ländern wie Ägypten oder Tunesien haben auch Auswirkungen auf die transmediterranen Migrationsprozesse und -regime.

Hinsichtlich der Proteste in den Mittelmeerländern lässt sich übergreifend feststellen, dass die sozialen Bewegungen ortsübergreifend nicht-repräsentative Formen basisdemokratischer Organisation initiiert und damit einen Bruch der klassischen (linken) Referenz auf Parteien und Gewerkschaften vollzogen haben. In dieser neuen Form der Organisation – neu nicht in dem Sinne, dass die Idee an sich neu wäre, sondern neu im Sinne eines in den letzten Jahrzehnten ungekannten sozialen Phänomens – steckt einerseits viel Potenzial für emanzipatorische und basisdemokratische soziale Bewegungen, anderseits bleibt jedoch das Dilemma der Repräsentation bestehen: in einem parlamentarischen System, in dem repräsentative Wahlen konkrete Regierungen schaffen, muss ein kritischer und konstruktiver Umgang mit klassischen linken Vertretungsorganisationen gefunden werden, der in der Lage ist, politische Potenziale zu nutzen und dabei nicht dem Muster der Vertretungspolitik zu verfallen.

Im Hinblick auf die Frage nach kritisch-geographischer Analyse und Beteiligung zu/an den diskutierten Themen wurde festgestellt, dass sich bislang nur wenige Geograph_innen an Forschungsprojekte mit direktem Kontakt zum Gegenstand bzw. den betroffenen Akteuren wagen. Dabei könnten kritische Forschungsarbeiten zu einzelnen Ländern oder bestimmten Akteuren durchaus nützlich z.B. für die Praxis der Migrationsarbeit sein.

Exkursionen
Die das Tagungsprogramm ergänzenden halbtägigen Exkursionen widmeten sich aktuellen städtischen oder räumlichen Krisenprozessen bzw. gesellschaftlichen Auseinandersetzungen am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main und Städten im Umland (Rüsselsheim, Hanau). Es wurde ein breites Spektrum zu politischen Konfliktstellen und Interventionen organisiert. Die Themen umfassten Gentrifizierung und neoliberale Stadtumgestaltung, postfordistische Stadtentwicklungen, Überwachung und postkoloniales Erbe bis hin zu aktuellen Kämpfen um linke Freiräume.

Hierarchiearmut
Wie in kritischen Wissenschaften üblich, wurde auf der ICCG versucht bestehende ökonomische Disparitäten und Hierarchien im akademischen Bereich zu überwinden: Die Tagung fand teilweise in Räumen studentischer Selbstverwaltung und linken Freiräumen (IVI, ExZess) statt, was den Wunsch nach enger Verzahnung von Wissenschaft und politischer Praxis unterstrich. Entsprechend war die Atmosphäre auf der ICCG – so weit es im akademischen Bereich möglich ist – hierarchiearm. Darüber hinaus war der Tagungsbeitrag je nach ökonomischer Situation und Herkunftsland gestaffelt und es wurden Kosten solidarisch umverteilt, um möglichst vielen die Teilnahme unabhängig vom ökonomischen Status zu ermöglichen.

Neben dem umfassenden akademischen Programm und gelungenen Verknüpfungen zur außeruniversitären Praxis bot die ICCG auf dem Campus Bockenheim auch die gute Gelegenheit zum Austausch bei Bier und Wein mit anderen kritischen Wissenschaftler_innen. Als Eindruck bleibt eine gelungene Tagung zu einer im deutschsprachigen Bereich (noch) wenig etablierten Perspektive in der Geographie. Dies gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Beschäftigung mit emanzipatorischen gesellschaftlichen Veränderungen auch in der Geographie Fuß fassen kann – die Krise ist noch im vollen Gange, weshalb mit revolutionären Momenten an dem einen oder anderen Ort in naher Zukunft wohl gerechnet werden kann.


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