Zürich: Das Langstrassenquartier - «Wir wollten die Attraktivität dieses Stadtteils fördern»



Von Anja Suter, WOZ vom 09.06.2011

Mit dem Projekt Langstrasse Plus hat die Stadt Zürich vor zehn Jahren Drogen, Dreck und Dirnen im ehemaligem ArbeiterInnenquartier den Kampf angesagt. Doch mit den «Aufwertungsmassnahmen» ist das Leben keineswegs für alle QuartierbewohnerInnen angenehmer geworden.

Samstagnachmittag, die Sonne scheint auf den Zürcher Kreis 4. Auf der Wiese der Bäckeranlage – ein Park unweit der Langstrasse – sind Decken ausgebreitet und mit Brot, Käse, Fleisch oder noch bleichen Bäuchen belegt. Dazwischen kullern Kinder über die Wiese. Nebenan, an den langen Bänken des Res­taurants B beim Quartierzentrum Aussersihl, schlürft ein jung-urbanes Publikum Eiskaffee oder nippt bereits am ersten Bier.

Vor etwas mehr als zehn Jahren war die Szenerie eine vollkommen andere: Damals diente die Bäckeranlage auch Dealern und Drogensüchtigen als Umschlagplatz. Eine Gruppe von AlkoholikerInnen hatte sich im alten Pavillon häuslich eingerichtet, der dann dem modernen Quartierzentrum weichen musste.

Im März 2001 schloss der Stadtrat den Park. Es war der Auftakt zum städtischen Projekt Langstrasse Plus, das die Lebensqualität des Quartiers rund um die Langstrasse «nachhaltig verbessern» wollte. Die Langstrasse, die sich quer durch die Stadtkreise 4 und 5 zieht, war damals weit über Zürich hinaus für das schnelle Vergnügen und seine Nebenwirkungen bekannt. Mitte der siebziger Jahre standen im alten Arbeiter­Innenquartier plötzlich Wohnungen leer, nachdem sich die Schweiz im Zuge der Ölkrise ihrer Saisonniers entledigt hatte. Die Stunde der Wohngemeinschaften sowie der Sex- und Glücksspielsalons war angebrochen. Die Mieten waren tief, viele Liegenschaften alt. Hier lebten Leute, die sich das Leben woanders nicht leisten konnten – oder wollten. Als die Polizei Mitte der neunziger Jahre die offene Drogenszene am Letten räumte, zerstreute sich die Szene in alle Himmelsrichtungen, unter anderem auch ins angrenzende Langstrassenquartier.

«Nicht mehr zu tolerieren»
Das alles störte zunehmend, seit mit der Wiederentdeckung der Innenstadt als Wohngebiet immer mehr Gutverdienende in zentrumsnahe Quartiere zogen, insbesondere den trendigen Kreis 5. Die Ansprüche der neuen Wohnbevölkerung wirkten sich auf das Stadtbild aus: Alte Bauten wurden renoviert, neue Bars, Cafés und Designläden öffneten überall. Weichen musste diesem Prozess der Gentrifizierung die bisherige Wohnbevölkerung: weniger zahlungskräftige, oft auch ältere Leute und MigrantInnen. Und den Behörden waren «verwahrloste Drogensüchtige» plötzlich ebenso ein Dorn im Auge wie die Auswüchse des Rotlichtmilieus. Die vielen Graffiti, der Dreck, der Abfall und vor allem die Gewalt im Langstrassenquartier seien nicht mehr zu tolerieren, hiess es.

So schuf die Stadt 2001 im Polizeidepartement eine Koordinationsstelle für das Projekt Langstrasse Plus und alimentierte sie mit 720 000 Franken. Der Auftrag: das Entstehen einer offenen Drogenszene verhindern und das Sexgewerbe eindämmen. Rolf Vieli, ehemaliger Stadtammann und Betreibungsbeamter im Kreis 4, übernahm die Leitung. «Als wir loslegten, war das Quartier unten, und wir hatten durchweg schlechte Schlagzeilen», sagt Vieli. Wenn er von «wir» spricht, meint er einmal die Stadt, einmal die Polizei, einmal seine Partei – die SP – und einmal die QuartierbewohnerInnen. Manchmal auch alles gleichzeitig. Vieli ist im Kreis 4 aufgewachsen. «Wir wollten die Attraktivität dieses Stadtteils fördern und das Leben der Bevölkerung lebenswerter machen», sagt er. «Das haben wir klar erreicht.»

Mit dem Gitterzaun, der im März 2001 die Bäckeranlage für zwei Wochen abriegelte, verstärkte die Polizei auch ihre Präsenz im ganzen Quartier. Seit der Park mit einem Fest wieder eröffnet worden ist, steht mal innerhalb, mal ausserhalb der Grünanlage ein grosser Streifenwagen, der zum mobilen Polizeiposten umfunktioniert ist.

An diesem Maisamstag ist er hinter der Hecke positioniert, die den Park gegen aussen abschliesst. Auf der andern Seite, entlang dem Kiesweg, der zum Restaurant B führt, sitzt ein älterer Mann in abgetragener Kleidung auf einer der Bänke und trinkt Bier aus einer Dose. Eine Frau und zwei Männer in dunkelblauen Gilets mit der Aufschrift «sip züri» gehen auf ihn zu. «Sip» steht für Sicherheit – Intervention – Prävention, der Schriftzug ziert seit März 2000 die Rücken von MitarbeiterInnen des Sozial­departements. Mit einer Mischung aus Sozialarbeit und Aufsicht sollen sie für die Sicherheit im Quartier sorgen. Sip startete als Pilotprojekt; heute gehören die dunkelblauen Sip-Jacken ebenso zum Bild des Quartiers wie die hellblauen Polizeihemden und die täglichen Personenkontrollen.

Aus den Augen, aber nicht verschwunden
«Die hohe Polizeipräsenz ist notwendig wegen der Drogen», sagt Vieli. «Heute haben wir keine grosse offene Szene mehr im Quartier. Würden wir uns nur zwei Wochen zurückziehen, würde sich die Szene sofort wieder etablieren.»

Man sehe tatsächlich nicht mehr so viele Dealer und Süchtige auf der Strasse wie nach der Lettenräumung, bestätigt Roy Gerber. Er leitet die «Sunestube», eine niederschwellige Anlaufstelle, nur wenige Schritte von der Langstrasse entfernt. «Aber das Drogenproblem ist damit nicht gelöst.» Die «Sunestube» zählte 2010 16 224 Besuche, über fünfzig Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die grosse Mehrheit der BesucherInnen sind Leute mit Suchthintergrund. In der «Sunestube» bekommen sie nebst der Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung, einem Job oder einem Therapieplatz auch etwas zu essen. Gerber sagt: «Wir sind eines der letzten, wenn nicht das letzte Auffangnetz für Hilfe in vielen verschiedenen sozialen Bereichen.»

Draussen wird es dunkel, die Langstrasse füllt sich mit Leuten. Ein Car mit Schwyzer Nummernschild schiebt sich die Unterführung hoch. Er biegt in die nächste Seitenstrasse, hält an der Bushaltestelle und spuckt eine Gruppe junger Frauen und Männer aus. Rasch mischen sie sich unter jene, die bereits auf der Suche nach dem Wochenendvergnügen durch die Lang­strasse treiben. Zwischen ihnen pendeln junge Prostituierte auf dem Trottoir auf und ab. Ihre Präsenz und Sichtbarkeit stört Rolf Vieli nach wie vor: «Die Stadt Zürich hat ein Überangebot an Pros­titution.» Das Sexgewerbe sollte auf ein «quartierverträgliches Niveau» reduziert werden. Er und sein Team bearbeiteten im Rahmen des Langstrasse-Plus-Projekts Hausbesitzer und Käuferinnen, um dem Rotlichtmilieu sukzessive Liegenschaften zu entziehen. Auf ihren Druck hin wurden viele solcher Häuser verkauft und ehemalige Etablissements zu Diskotheken umgenutzt.

Regula Rother von der Zürcher Stadtmission kennt die Folgen dieser Politik: Sie leitet die «Isla Victoria», eine Anlaufstelle für Prostituierte. Wie die «Sunestube» befindet auch diese sich im Herzen des Quartiers. «Für die Sexarbeiterinnen wird es zunehmend schwierig, ein bezahlbares Zimmer im Quartier zu finden», sagt Regula Rother. «Dabei sind sie genau darauf an­gewiesen, hier, in der Nähe der Langstrasse, eine Bleibe zu haben.»

«Soziale Säuberung»
Das neue Quartierprofil wirkt sich nicht nur auf die Liegenschaften des Sexgewerbes aus. Architektinnen und Spekulanten haben entdeckt, dass es sich in diesem Quartier gut geschäften lässt: Liegenschaften wechseln die BesitzerInnen und werden total­saniert, langjährige MieterInnen auf die Strasse gestellt. Das hat Daniel (Name der Redaktion bekannt), der schon seit über zwanzig Jahren im Langstrassenquartier lebt, am eigenen Leib erfahren. Seiner Wohngemeinschaft wurde vor drei Jahren gekündigt, das Haus, in dem früher ein Nachtclub war, verkauft und totalsaniert. Hatten Daniel und seine Freunde für fünf kleine Zimmer 870 Franken im Monat bezahlt, kostet die renovierte Wohnung heute 3000 Franken. Dabei ist sie erst noch kleiner, weil das Dachzimmer ausgegliedert worden ist. «Es ist ein Domino­effekt», sagt Daniel. «Wenn der eine sein Haus saniert, zieht der Nächste nach. Die Besitzer können sich das leisten, weil mittlerweile gerne viel Geld für diese Wohnlage ausgegeben wird.»

Das bestätigt eine Studie des Mieterinnen- und Mieterverbandes der Stadt Zürich zur Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren in den Kreisen 4 und 5: Eine Siebzig-Quadratmeter-Wohnung, die 1999 noch für 1283 Franken im Angebot war, kos­tet heute 1750 Franken. Rund um die Langstrasse ist der Quadratmeterpreis im Vergleich zur Gesamtstadt überproportional gestiegen. Das Angebot an ausgeschriebenen Mietwohnungen ist hier in den letzten zehn Jahren um 77 Prozent gesunken. Die Wohnungen erscheinen erst gar nicht mehr auf dem Markt, weil sie unter der Hand weitergereicht werden – oder weil sie zu Eigentumswohnungen werden.

«Im Langstrassenquartier läuft ein Umschichtungs­prozess», sagt auch Niklaus Scherr, Gemeinderat der Alternativen Liste und als ehemaliger Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes ein Experte in Sachen Liegenschaftsmarkt. Scherr beobachtet die Entwicklung im Quartier schon seit Ende der siebziger Jahre – auch als Bewohner. Die Gentrifizierung des Quartiers sei bereits vor dem Projektstart von Langstrasse Plus absehbar gewesen, sagt Scherr. Rolf Vieli sei durchaus nicht alleine für diese Entwicklung verantwortlich – «doch er fungiert als Brandbeschleuniger: Wer von ‹Sanierung› oder ‹Aufwertung› spricht, drückt aus, dass etwas zuvor weniger Wert hatte – sozial und ökonomisch. Wer sich für ein solches Projekt einspannen lässt, der weiss genau, dass er der Gentrifizierung einen enormen Schub verleiht.» Scherr spricht gar von «sozialer Säuberung».

Hinter der Bäckeranlage steht ein neues Haus. Die Balken und die Schuttmulde der Baustelle sind bald weggeräumt, die Wohnungen demnächst bezugsbereit. Vor kurzem gab es einen Tag der offenen Tür. «Alle Nachbarinnen und Nachbarn wurden zur Besichtigung eingeladen», erzählt Scherr. «Man konnte durch die Baustelle schlendern und von der Dachterrasse aus die Aussicht auf den Üetliberg geniessen. Die obersten Wohnungen werden für 4500 bis 4700 Franken monatlich vermietet.»

Am Montag derselben Woche wurden in der Bäckeranlage Pingpongtische und Sitzbänke abmontiert. Alkoholiker hätten dort ihren Abfall liegen lassen und Dealer ihren Stoff versteckt, rechtfertigt Rolf Vieli die Aktion von Langstrasse Plus. Die neuen AnwohnerInnen der Bäckeranlage wollen sich ihre teure Aussicht auf keinen Fall von herumliegenden Bierdosen verderben lassen.


Creative Commons LicenseDieses Werk ist unter einer
Creative Commons-Lizenz
lizenziert.

Trackback URL:
http://rageo.twoday.net/stories/19480191/modTrackback