Eine sympathische Idee: Briefkasten-Ludothek




Pneu mit der gepumpten Pumpe des Nachbarn pumpen
Dinu Gautier, Journal B, 22.10.2012

Versuch an der Mittelstrasse [Längasse, Bern]: Kleber auf dem Briefkasten zeigen den Nachbarn, welche Gegenstände man ausleihen würde. Vom Beamer bis zur Gugelhopfform.

Es ist Samstagnachmittag. Lisa Ochsenbein drückt einen Klingelknopf neben der Eingangstür eines Hauses am Seidenweg in der Länggasse. Ochsenbein ist Produktedesignerin, heute scheint es, als sei sie als Vertreterin unterwegs. In ihrer Mappe: kleine quadratische Kleber, hellblau, mit Illustrationen drauf. Schlitten, Kabelrolle, Gameboy, Gugelhopfform. Insgesamt 18 Motive.
«Schon bei direkten Nachbarn kann die Hemmschwelle, um einen Schlitten zu bitten, sehr hoch sein.»
Ivan Mele, Meteor Collectif

Die Haustüre summt, im Treppenhaus trifft Ochsenbein auf einen Mann, der sich brav anhört, in welcher Mission Ochsenbein an seine Wohnungstüre tritt: «In jedem Haushalt gibt es Dinge, die man fast nie braucht. Und manchmal braucht man etwa einen Bohrer, findet es dann aber ziemlich übertrieben, für den einmaligen Gebrauch gleich ein Gerät zu kaufen», sagt Ochsenbein. Der Mann nickt. Und jetzt kommen die Kleber ins Spiel. Er könne sich Kleber mit jenen Gegenständen aussuchen und auf seinen Briefkasten kleben, die er ausleihen würde. Nachbarn oder Passanten mit dem Wunsch, einen Gugelhopf zu backen, die jedoch nicht im Besitz einer entsprechenden Form sind, würden so auf einen Blick erkennen, dass bei ihm eine Gugelhopfform auszuleihen sei.

Gameboy statt Gugelhopfform
Der Mann im Treppenhaus besitzt zwar keine Gugelhopfform, dafür aber sowohl einen Gameboy als auch einen Hammer. Er nimmt die entsprechenden Kleber mit dem Versprechen entgegen, seinen Briefkasten damit zu schmücken. Lisa Ochsenbein strahlt.

«Pumpipumpe» heisst das Projekt, eine Art Offline-App fürs Teilen von Haushaltsgegenständen. «Es geht um zweierlei: Darum, dass es mehr Austausch, mehr Interaktion in der Nachbarschaft gibt und darum, dass Kosumgüter sinnvoll genutzt werden – der Umwelt und dem Portemonnaie zuliebe», sagt Ochsenbein.

verleih

Sinkende Hemmschwelle
Ivan Mele, er arbeitet als Prozessgestalter zusammen mit Ochsenbein und zwei Illustratorinnen im Atelier des «Meteor Collectif», sagt: «Heute kennt man oft die Leute zwei Häuser weiter nicht und schon bei den direkten Nachbarn kann die Hemmschwelle, nach einem Beamer oder einem Schlitten zu bitten, sehr hoch sein.» Signalisiere der Nachbar aber mit dem Kleber am Briefkasten, dass er gerne teilt, sei das eine ganz andere Geschichte und man traue sich eher, zu klingeln und zu fragen. «Und eine Flasche Wein als Dankeschön kann man ja immer noch vorbeibringen», so Mele.

«Mehr Austausch im Quartier und weniger Belastung für Umwelt und Portemonnaie.»
Lisa Ochsenbein, Meteor Collectif


Ganz ohne Internet kommt auch «Pumpipumpe» nicht aus. Online kann man die Kleber bestellen – kostenlos. Oder man holt sie im Atelier ab. «Es ist zunächst einmal ein sehr lokales Projekt», sagt Ochsenbein. Aktiv beworben wird es nur in der Gegend rund um die Mittelstrasse. Hier ist das Atelier, und «hier wohnen viele junge Leute, Studenten, die Neuem gegenüber offen sind. Und es gibt viel Bewegung auf der Strasse, man kommt auch tatsächlich an den Briefkästen vorbei», sagt Ochsenbein. Es könnten aber auch Leute aus anderen Quartieren Kleber bestellen.

Sollte der Versuch ein Erfolg werden und sich ausbreiten, dann müsste das Kollektiv auch damit beginnen, Geld für Druck und Vertrieb der Kleber aufzutreiben. «Für die Nutzer müssen die Kleber kostenlos bleiben, genauso wie das Ausleihen der Dinge kostenlos ist», sagt Lisa Ochsenbein.

Auch für Wlan?
Wollen die Leute überhaupt Menschen, die sie (noch) nicht kennen, ihre Sachen ausleihen? Wird ein Kleber, der darauf hinweist, dass ein Beamer im Haushalt zu finden ist, als Sicherheitsproblem wegen möglichen Einbrüchen angesehen? «Das wird sich zeigen – abgesehen vom Beamer haben wir bewusst Gegenstände von nicht allzu hohem Geldwert gewählt», sagt Ochsenbein.

Beim Meteor Collectif gehen jedenfalls die ersten Online-Bestellungen ein. Wer bestellt, kann auch Motive für weitere Kleber vorschlagen. Jemand möchte Pétanque-Kugeln ausleihen. Jemand anderes regt an, ein Wlan-Kleber am Briefkästen könnte die Bereitschaft signalisieren, mit Nachbarn den kabellosen Internetzugang zu teilen.


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