Sicherheit und die Stadt - Luzern betreibt "Gefahrenmanagement" und "Risikoobjektivierung"

Maurice Illi und Tillmann Schulze, Neue Zürcher Zeitung, 05.01.2011

Der Weg zu einer sicheren Stadt


Die Sicherheit von Städten verändert sich laufend. Verändertes Ausgehverhalten, gesteigerte Mobilität oder technologische Neuerungen führen zu einer hohen Dynamik. Die Stadt Luzern hat darauf reagiert. Von Maurice Illi und Tillmann Schulze

Zürich, März 2010: Der sogenannte Saubannerzug zieht nach einem Fussballspiel durch den Kreis 4. Rund 200 Fussballfans und junge Leute, spontan mobilisiert mit Hilfe von SMS und Handzetteln, sind unterwegs. Sie beschädigen Autos, Scheiben gehen zu Bruch. Der Krawall überrascht die Sicherheitsverantwortlichen und geht als neue Form urbaner Unsicherheit durch sämtliche Schweizer Medien. Das Ereignis steht stellvertretend für ein insgesamt sich rasch wandelndes Sicherheitsumfeld: Gestiegene Mobilität, verändertes Freizeit-, Konsum- und Ausgehverhalten, längere Öffnungszeiten, demografischer Wandel, technologische Innovationen oder soziale Entmischung sind allesamt Trends, die die Sicherheitssituation in den Schweizer Städten verändern.

Die für die Sicherheit verantwortlichen Behörden sind stark gefordert. Sie müssen permanent auf Veränderungen reagieren. Doch oft ist gar nicht klar, auf welche Unsicherheit und in welchem Umfang es zu reagieren gilt. Was ist wichtiger - der Kampf gegen Raub und Diebstahl oder der Schutz vor Hochwasser? Gilt es auf Gefährdungen zu fokussieren, die regelmässig in den Medien auftauchen, wie etwa die Jugendgewalt? Sind die wenig wahrgenommenen Gefährdungen, wie sie beispielsweise von einem möglichen Erdbeben ausgehen, nicht genauso bedeutsam?

Luzern betritt Neuland
Um solche Fragen beantworten zu können, muss eine Stadt die Sicherheitslage möglichst objektiv beurteilen. Ein Vorgehen dafür hat die Stadt Luzern entwickelt: Am Anfang stand die Überzeugung, dass in Luzern ein fundiertes Risikomanagement erforderlich ist, um auf die zentralen sicherheitsrelevanten Herausforderungen vorbereitet zu sein. Im Jahr 2007 erstellte die Stadt dann einen umfassenden Sicherheitsbericht, der das gesamte Spektrum relevanter Gefährdungen analysierte: von Verstössen gegen die Hunde-Verordnung über Verkehrsunfälle bis hin zu Grossveranstaltungen. Ziel war eine integrale Betrachtung der Sicherheit auf dem Stadtgebiet. Ausserdem sollte der Bericht die Beziehungen der möglichen Ereignisse untereinander deutlich machen und aufzeigen, welche Massnahmen die Unsicherheiten auf dem Stadtgebiet wirksam reduzieren können.

Gemeindebehörden, Polizei, Feuerwehr und Strasseninspektorat prüften gemeinsam das Gefahrenspektrum und entwickelten Kriterien zu dessen Beurteilung. Die Arbeiten hatten einen positiven Nebeneffekt: Der Feuerwehrmann setzte sich auch mit der Pandemievorsorge auseinander, und der Beauftragte für die Sauberkeit im öffentlichen Raum bekam Einblick in die Polizeiarbeit. Sie lernten die Aufgaben und Bedürfnisse ihrer Kolleginnen und Kollegen und damit auch die zentralen Ansprechpartner kennen. Wenn es zu einem Notfall kommt, wissen die Einsatzkräfte sofort, an wen sie sich wenden müssen und welche Unterstützung sie erwarten können.

Diese Gefährdungsanalyse zeichnete ein differenziertes Bild der Sicherheit in der Stadt Luzern. Damit die Gefährdungsanalyse jedoch zu einer Planungsgrundlage werden konnte, mussten zusätzlich für alle Gefährdungen die objektiven Risiken bestimmt werden. Aber auch eine Bevölkerungsbefragung floss in die Arbeiten ein; denn Statistiken und Expertenurteile sind das eine, die "gefühlte" (Un-)Sicherheit der Bevölkerung ist jedoch ebenso wichtig. Schliesslich galt es konkrete Massnahmen zu bestimmen. Für alle wurde ein Nutzwert bestimmt anhand von Kriterien wie Kosten, Akzeptanz in der Bevölkerung und Realisierbarkeit. Der Sicherheitsbericht empfiehlt über fünfzig kleinere und grössere Massnahmen zur Umsetzung. Beispielsweise die definitive Einführung der SIP Luzern, einer kriminalpräventiven Einsatztruppe an der Schnittstelle von Ordnungsdienst und Sozialarbeit, die städtebauliche Aufwertung eines Stadtparks oder die Erneuerung des Wehrs der Reuss als Massnahme gegen Hochwasser. Vermehrte Polizeipatrouillen im Stadtzentrum sollen das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung stärken. Die Stelle für Sicherheitsmanagement koordiniert die Umsetzung der Massnahmen.

Eine Sicherheitskultur entsteht
Die Stadtregierung beobachtet kontinuierlich die Sicherheitslage in der Stadt. Sie beschloss aber zusätzlich, alle drei Jahre die Entwicklungen zu überprüfen und alle sechs Jahre eine neue Erhebung durchzuführen. 2010 wurde erstmals seit dem Sicherheitsbericht von 2007 Bilanz gezogen: Eine erfreuliche Erkenntnis war, dass sich in Luzern mittlerweile eine Sicherheitskultur etabliert hat. Die wichtigsten Köpfe der für die Sicherheit wichtigen Stellen kennen sich und ihre Bedürfnisse. Neben den städtischen beteiligten sich auch private Akteure wie etwa die Verkehrsbetriebe, ein privater Sicherheitsdienst oder Vertreter der Quartiere an der Überprüfung des Sicherheitsberichts.

Verhindert so ein Sicherheitsbericht allein künftig in Städten einen Saubannerzug? Vermutlich nicht, aber er sensibilisiert für neue Entwicklungen und vermittelt Übersicht bei den relevanten Gefährdungen. Sicherheit ist für die Städte ein entscheidender Standortfaktor. Die Verantwortlichen müssen dabei viele unterschiedliche Anliegen berücksichtigen. Zudem verlangen beschränkte öffentliche finanzielle Mittel einen sorgsamen Einsatz. Klar ist auch: Totale Sicherheit kann es nicht geben. Doch negative Folgen lassen sich deutlich verringern, wenn sie nicht überraschend kommen.

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Maurice Illi ist Verantwortlicher der Stelle für Sicherheitsmanagement der Stadt Luzern. Tillmann Schulze leitet das Tätigkeitsfeld "Sicherheit im Gemeinwesen" bei der Firma Ernst Basler + Partner in Zollikon.


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